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1.4.2.1 Zusammenfassung der Unterschiede beider Lebensformen

Der wesentlichste Unterschied zwischen den als Jäger und Sammler im Busch lebenden !Kung und den seßhaft gewordenen !Kung-Gruppen ist die Organisation von Privatheit und Öffentlichkeit, genauer: in den Buschcamps gibt es keinen privaten Raum, Gespräche zwischen den Paaren sind auch von den übrigen Mitgliedern jederzeit hörbar, nicht einmal die Schlafstelle ist privat. Alle Familienmitglieder schlafen rund um die Feuerstelle im Freien. Die Intensität der sozialen Kontrolle - kombiniert mit der Abwesenheit von Privatheit - läßt weder Vorherrschaft gegenüber anderen noch das Anhäufen von virtuellen oder materiellen Gütern zu. Unmittelbare Kommunikation bestimmt diese face-to-face Gesellschaft. Geschlechtsspezifische Arbeitsteilung ist vorhanden, aber diese wird nicht rigide eingehalten. Ehen können jederzeit geschlossen aber auch ohne besonderes Aufheben wieder gelöst werden. Die Beziehungen zwischen den Geschlechtern sind wesentlich flexibler, da die Verwandtschaft eine untergeordnete Rolle spielt. Jedes Paar trägt die Verantwortung für sich und die gemeinsamen Kinder. Die Gesellschaftsorganisation ist egalitär: autoritäres Verhalten wird sowohl zwischen den Männern als auch zwischen Männern und Frauen sanktioniert. Kinder treffen in vielen Bereichen selbst ihre Entscheidungen, unabhängig von der Meinung ihrer Eltern.

Bei den seßhaften !Kung entstanden individuelle Haushalte mit Privatheit. Den materiellen Gütern wird große Aufmerksamkeit geschenkt und dadurch entstehen Unterschiede in den Besitzverhältnissen der einzelnen Familien. Die Häuser werden umzäunt, nicht wegen der Tiere, sondern damit größere Abstände zwischen den Häusern entstehen. Von den Dorfbewohnern selbst wird aber gesagt, daß sie die Schutzzäune deshalb errichten, um alle Tiere von ihren Häusern fernzuhalten. Die Bauweise der Häuser veränderte sich, und zwar sowohl die Niederlassungsmuster als auch die Abgrenzung zwischen den Häusern durch die Zäue. Es findet dabei eine Anlehnung an die Bauweise der Bantu-Bevölkerung statt: es wird solide und geräumig gebaut und natürlich umzäunt. Dadurch verändert sich die Qualität der sozialen Interaktion. Es entstehen materielle als auch Status-Unterschiede zwischen den Dorfbewohnern. Dies würde im Busch niemals akzeptiert werden.1.163

Die sozialen Veränderungen und Einschränkungen in ihrer Bewegungsfreiheit treffen vor allem die weiblichen Dorfmitglieder. Bereits in der Kindheit wird die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung anerzogen: Mädchen sind vor allem mit Tätigkeiten im Haus beschäftigt, stehen unter der ständigen Kontrolle der erwachsenen Frauen und haben kaum die Möglichkeit sich vom Dorf zu entfernen. Sie können nicht wie ihre männlichen Geschwister unbeschwert im Busch herumstreifen und selbst Erfahrungen sammeln, sondern sie müssen ihre jüngeren Geschwister beaufsichtigen, ihre Mütter bei der Arbeit unterstützen usw. Ihr Alltag ist bereits im Kindesalter bestimmt durch die geschlechtsspezifisch zugeordneten Aufgaben und die Verantwortung, die sie über ihre jüngeren Geschwister tragen müssen.

[]Das Mutterrecht in der Evolutionstheorie des 19. Jahrhunderts [Kapitel 2:]


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Isabella Andrej
1999-03-04