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1.4.1 Die traditionell lebenden !Kung Bushmen

1975 lebten noch wenige Tausend !Kung von der traditionellen Jagd und dem Sammeln der Frauen. Sie ernährten sich von im Busch wachsenden Pflanzen und Wurzeln und vom Fleisch der Wildtiere; ihre Lebensweise ist halbnomadisierend. Die !Kung verlegen ihre Camps nach einigen Tagen oder Wochen. Durchschnittlich besteht eine Gruppe aus 35 Mitgliedern. Die Jahreszeit und das Wasser bestimmen die Größe der Gruppe. In der Regenzeit von Oktober bis März bilden sie kleinere Gruppen, da während dieser Periode die Nahrung und das Wasser reichlich vorhanden sind. Die Gruppe besteht aus zwei bis drei Familien. In der Trockenzeit schließen sich mehrere Gruppen rund um die wenigen Wasserstellen zusammen. Zwei bis drei verschiedene Camps werden im Umkreis von drei Meilen um ein Wasserloch errichtet. Die Band-Organisation ist sehr flexibel. Es ist keine echte Band-Mitgliedschaft vorhanden. Enge Blutsverwandte sich auch während des Jahres zusammen, Individuen und Segmente von größeren Verwandtschaftsgruppen, aber nur zeitweise. Die Männer jagen mit kleinen Bogen und Pfeilen mit Giftspitzen. Sie besitzen auch Speere mit Metallspitzen. Die Werkzeuge der Frauen sind einfache Grabstöcke, hölzerne Mörser und Stößel. Sie verwenden Leder als Gurten zum Tragen, für die Bekleidung und für Ledertaschen, sowie Netzschlingen aus Pflanzenfasern. Die !Kung des /Du/da Gebietes an der Grenze zu Botswana und Südwest Afrika bewegen sich über eine Nord-Süd-Distanz von rund 70 Meilen.1.141

Die Frauen liefern ca. 60 % bis 80 % der täglichen Nahrung.1.142 Alle !Kung haben aber eine Vorliebe für Fleisch, das mit Prestige verbunden ist. Die Frauen sind wegen des hohen Nahrungsanteils selbstbewußt, den sie zur täglichen Versorgung liefern. Die Kinder warten auf die Rückkehr ihrer Mütter, die die Nahrung ins Camp bringen. Oft liefern die Frauen auch wichtige Informationen über Wildbewegungen für die männlichen Jäger. Sie können die Zeichen des Busches lesen. Draper begleitete selbst Expeditionen der Frauen und schöpfte aus diesen Beobachtungen. Die Gruppe der Frauen war 30 bis 40 Minuten vom Camp entfernt. Sah eine der Frauen frische Tierspuren von Antilopen, entstand große Freude innerhalb der Gruppe. Die Frauen sandten eines der älteren Kinder zum Camp der Männer. Diese schätzten diese Informationen der Frauen, weil sie ihren Erfahrungen und Beobachtungen vertrauten. Durch die Tierspuren können sowohl Ortsangaben über Wasserstellen gemacht werden als auch Aussagen über Anzahl, Größe oder Alter der Tiere. An manchen Tagen jagen die Männer im selben Gebiet, in dem auch die Frauen sammeln. Durch die anwesenden Frauen wird das Wild aufgeschreckt und das wiederum erleichtert die Jagd für die Männer.1.143

Die Informationen der Frauen sind für die Gesellschaft von großer Bedeutung. Die Meinungen darüber gehen aber weit auseinander. Elman Service meint zum Stereotyp der weiblichen Sammlerrolle, daß diese individualisiert, wiederholend und langweilig sei - im Gegensatz zur männlichen Arbeit, die sozialen Charakter habe.1.144

Elman R. Service schreibt allgemein über die geschlechtliche Arbeitsteilung bei Jäger- und Sammlergesellschaften:


11 A frequent aspect of men's work is its collaborative, or social, character. Woman's work, on the contrary, is often individualized and usually boring. (This seems to be generally true at all levels of cultural development; it is even the common plaint of the modern housewife.) The cooperation of men in the hunt is a normal concomitant of the low state of technological development in band society. A man with a rifle can stalk game by himself and have some chance of killing it, but a man armed with a crude bow and stone-tipped arrows, or with only a spear, needs help. How the team works, of course, depends on the number of men, the kind of game, the nature of the terrain, and their own individual skills and understanding.1.145 [...]
Women's food-gathering tasks are not so complicated. Their only tool is a simple sharpened stick used for digging up tubers and some such devices as net bags and bark or wooden bowls for carrying things like seeds, fruit, or nuts. Women and children sometimes collaborate with men during an ,,all-hands`` type of game drive, armed with clubs in a rabbit drive, or more often stationed at certain places to frighten and thus deflect game toward a prepared ambuscade.1.146

Dem ist entgegenzusetzen, daß erfolgreiches, jahrelanges Sammeln zu einschlägigen Kenntnissen über genießbare/ungenießbare Pflanzen, wo und unter welchen Bedingungen oder Jahreszeiten sie zu ernten sind, etc. führt. Die Sammelgewohnheiten der !Kung Frauen sind z.B. unterschiedlich: allein sammeln vor allem alte oder junge, unverheiratete Frauen ohne Kinder; hingegen sammeln Frauen mit Kindern gemeinsam mit zwei oder mehreren Frauen. Die Frauen tragen wesentlich mehr zur Nahrungsversorgung bei und behalten auch die Kontrolle über die gesammelte Nahrung, wenn sie ins Lager zurückkehren. Die Unterscheidung zwischen langweiligem Sammeln1.147 und dem interessanten, gemeinschaftlichen und gefährlichen Jagen kann nun wohl doch nicht ganz der Realität entsprechen. Beide Geschlechter bewegen sich im Busch, sammeln oder erlegen manchmal ein Tier. Die höhere Bewertung des Fleisches, gerade weil es seltener am Speisezettel steht, muß nicht heißen, daß die weibliche Tätigkeit uninteressant ist. Die ,,Zeichen des Busches`` sind jedenfalls beiden Geschlechtern bekannt, und beide verstehen sie. Finden Frauen Tierspuren, geben sie diese Information an die Jäger weiter; aber auch umgekehrt werden sicherlich auch die jagenden Männer Ortsangaben über Plätze mit bestimmten Früchten, Wurzeln, Nüssen usw. an die Frauen weitergeben. Beide Geschlechter haben ein Interesse an Fleisch, aber auch an seltener pflanzlicher Nahrung wie z.B. Honig. Die ,,Gier`` nach besonderen Delikatessen ist anscheinend in allen Gesellschaften vorhanden. R.B. Lee notierte über die !Kung Bushmen von Dobe, daß bei ihnen die Diät aus ungefähr 37 % Fleisch und 63 % pflanzlicher Nahrung zusammengesetzt ist.1.148 Die Zahl zum Fleischanteil ist wahrscheinlich zu hoch, als daß sie für alle !Kung generalisiert werden könnte. J. Tanaka z.B. führte detaillierte Studien über die benachbarten !Kung San durch und stellte fest, daß bei ihnen der Fleischanteil   nur bei 18,7 % liegt. Wir können jedenfalls davon ausgehen, daß bei allen !Kung-Gesellschaften der Anteil an Fleisch wesentlich niedriger ist als der der vegetarischen an der Gesamtnahrung. Robert B. Lee und Lewis R. Binford stellten fest, daß je weiter Jäger und Sammler vom Äquator entfernt leben, desto größer ist der Fleischanteil bei der Nahrungszusammensetzung.1.149 Dazu Robert B. Lee:


11 In short, the Bushmen of the Dobe area eat as much vegetable food as they need and as much meat as they can.1.150

Lorna Marshall und Richard B. Lee beschreiben die Fleischverteilung und dabei spielen die sozialen Regeln eine entscheidende Rolle: der Jäger selbst - außer bei kleinen Tieren - hat kaum Einfluß auf die Verteilung, z.B. können Camp-Mitglieder spontan einen Anteil fordern, und der Jäger ist verpflichtet, den Wunsch zu erfüllen. Nach Lorna Marshall wird ein großes erlegtes Tier in mehreren Wellen im Camp verteilt:


11 A man's first obligation at this point, we were told, is to give to his wife's parents. He must give to them the best he has in as generous portions as he can, while still fulfilling other primary obligations, which are to his own parents, his spouse, and offspring [all these people cook meat separately]. He keeps a portion for himself at this time and from it would give to his siblings, to his wife's siblings, if they are present, and to other kin, affines and friends who are there. Everyone who received meat gives again, in another wave of sharing, to his or her parents, parents-in-law, spouses, offspring, siblings, and others. The meat may be cooked and the quantities small. Visitors, even though they are not close kin or affines, are given meat by the people whom they are visiting.1.151

Fleisch im Gegensatz zu anderen Gütern ist das große Bedürfnis, denn Teilen und gemeinsames Essen läßt Sozialität entstehen. Es ist das Gut, das am häufigsten geteilt wird; alle anderen Güter werden getauscht, um die Reziprozität unter den engen Verwandten im Gleichgewicht zu halten. Das Anhäufen von Gütern läßt Mißtrauen und Abneigung entstehen und verringert das Prestige.1.152 Elizabeth Marshall Thomas schreibt dazu über die !Kung Bushmen:


11 A Bushman will go to any lengths to avoid making other Bushmen jealous of him, and for this reason the few possessions that Bushmen have are constantly circling among the members of their groups. No one cares to keep a particularly good knife too long, even though he may want it desperately, because he will become the object of envy. ... Their culture insists that they share with each other, and it has never happened that a Bushman failed to share objects, food, or water with the other members of his band, for without very rigid co-operation Bushmen could not survive the famines and droughts that the Kalahari [Desert] offers them.1.153

Die Sammlerin hingegen bestimmt, ob an außerhalb der Familie stehende Personen etwas abgegeben wird. Es ist für die Frauen üblich, individuelle Geschenke zu machen, die aber nicht erwartet werden. In komplexeren Gesellschaften sind es Verwandtschaftsgruppen, Lineages oder andere zusammenwirkende Einheiten, die für die Verteilung der Ressourcen verantwortlich sind. Das findet auch in Matrilineages statt, wo Frauen zwar das Land besitzen, aber trotzdem die Männer normalerweise über die Nutzung und Verteilung der Ressourcen verfügen.

Das Sammeln ist bei den !Kung ausschließlich Frauensache. Sie müssen nicht um ,,Erlaubnis`` bitten, um in einem bestimmten Gebiet sammeln zu dürfen. Auf kürzeren Distanzen werden sie beim Tragen der gesammelten Nahrung auch nicht von den Männern unterstützt. Sie tragen die alleinige Verantwortung. Bei den !Kung verlassen beide Geschlechter regelmäßig das Camp. Beide Geschlechter haben ähnliche Kenntnisse und Erfahrungen über das Jagd- und Sammelgebiet, das sie durchstreifen. Heute gibt es Veränderungen, da die Männer zeitweise einer Erwerbsarbeit nachgehen und dadurch mehr Erfahrung über die ,,Außen``-Welt haben. Junge Männer verbringen Monate oder sogar Jahre außerhalb der !Kung-Gesellschaft und leben in Städten, wo sie arbeiten.1.154

Die !Kung-Frauen haben bei ihrer Sammlertätigkeit keine Gefahren zu fürchten. In ihrem Gebiet gibt es weder Kriegführung noch Überfalle zwischen den !Kung und den Bantu. Gäbe es Fremdattacken, würde sich die Sozialorganisation ändern, sowohl in der politischen Führung, als auch im Geschlechterverhältnis.1.155

Die !Kung sagen von sich, daß die Arbeit zwischen Männern und Frauen aufgeteilt ist. Die meisten Arbeiten seien prinzipiell durch das Geschlecht bestimmt. Die Praxis sieht aber anders aus. Die Erwachsenen beider Geschlechter sind jeweils auch bereit, die Arbeiten des anderen Geschlechts zu übernehmen. Nach Drapers Meinung ist diese Bereitschaft sogar bei den Männern größer als bei den Frauen. Als Beispiel führt Draper den Bau einer ,,Hütte`` in einem /Du/da Camp an. Diese Arbeit ist eigentlich Frauensache, aber im folgenden beschriebenen Fall übernahm ein Mann mittleren Alters diese Arbeit. Seine Frau besuchte gerade eine andere Niederlassung in einem entfernten Gebiet. Seine unverheiratete 17-jährige Tochter war aber im Camp. Sie bot sich zum Mithelfen an und half ihm zumindest, als er bereits begonnen hatte. Von den übrigen !Kung wurde darüber nichts gesagt. Keiner sprach darüber oder witzelte darüber, daß er eine faule Frau habe.1.156

Sammeln ist wie schon mehrfach erwähnt Frauensache, aber es gibt eine Ausnahme, das Sammeln von   Mongongo Nüssen. Einige verheiratete Paare sammeln diese Nüsse gemeinsam, wie Draper es selbst beobachten konnte. Meist sind es ältere Paare oder junge Paare ohne Kinder. Das Wasserholen ist ebenfalls ausschließlich Frauenarbeit, wenn die Wasserstelle 10 bis 15 Minuten vom Camp entfernt ist. Ist sie aber erst nach einer längeren Wegzeit erreichbar, helfen auch die Männer, wenn sie nicht gerade auf der Jagd sind. Kooperation und damit gegenseitige Unterstützung sind wichtige Faktoren vor allem in der Kernfamilie.1.157

Die Jagd ist Männerangelegenheit, aber das Tragen der Beute ins Lager könnte leicht auch von den Frauen übernommen werden. Erlegen die Männer eine Antilope, wird ein Mann ins Camp geschickt, um einen Helfer/Träger zu holen. Es sind ausschließlich Männer, die das erlegte Tier ins Camp tragen. Meist junge Männer, die sich noch nicht selbst bei der Jagd beteiligen. Warum die Männer niemals Frauen um Mithilfe bitten, wurde während der Feldforschung nicht gefragt.1.158

Bei der Kindererziehung gibt es keine besonderen geschlechtsspezifischen Unterschiede. Die Gruppe, die im besprochenen Camp lebte, umfaßte 34 Personen, davon waren 12 Kinder (einschließlich Neugeborene) im Alter bis zu 14 Jahren. Den Spielgruppen gehören beide Geschlechter unterschiedlichen Alters an. Die Kinderbetreuung wird hauptsächlich von älteren Kindern übernommen, vor allem von älteren Mädchen. Diese Mädchen entlasten damit hauptsächlich ihre Mütter, die sich vermehrt dem Sammeln und der Nahrungszubereitung widmen können. Für das Mädchen bedeutet es aber, daß es in der Bewegungsfreiheit gegenüber Knaben im gleichen Alter eingeschränkt ist. Sie muß näher beim Camp bleiben, ihr Verhalten wird durch Verantwortung, Rücksicht gegenüber anderen, auch für ihr späteres Leben geprägt. Die !Kung Frauen haben lange Intervalle zwischen den Geburten, meist in Abständen von vier Jahren.

Die Erwachsenen arbeiten häufig nur drei Tage pro Woche. Ein Drittel bis die Hälfte der Erwachsenen befindet sich immer im Camp. Die Erziehung der Kinder obliegt zwar primär den Mädchen und Frauen, aber sie ist keine exklusive weibliche Domäne. In diesem Milieu erscheinen Väter nicht als distanzierte, fremde, männliche Autorität; autoritäres Verhalten fehlt bei den Erwachsenen beider Geschlechter. Sie würden niemals drohen: ,,Ich werde es dem Vater sagen``. Ebensowenig gibt es körperliche Gewalt, die gegen die Kinder gerichtet wäre. Aggressivität wird bei niemandem toleriert und deshalb ist sie auch kaum zu beobachten. Um Mißverhalten von Kindern zu sanktionieren, werden sie weggetragen oder es wird versucht, das Kind durch ein anderes Interesse abzulenken.1.159

Die Vater-Kind-Beziehung unterscheidet sich kaum von der Mutter-Kind-Beziehung, wenn die Stillzeit vorüber ist. Die Väter sind eng mit ihnen Kindern verbunden. Das Verhältnis zueinander ist ungezwungen, ohne besonderen Respekt gegenüber dem Vater. Draper erwähnt ein weiteres von ihr beobachtetes Beispiel: Ein Vater bat seinen Sohn, etwas für ihn zu holen. Dieser ignorierte seinen Wunsch; nach nochmaliger Aufforderung rief der Sohn zurück: ,,Tu es selbst, alter Mann``. Der Vater holte nun ohne besondere Enttäuschung selbst den von ihm gewünschten Tabak. Diese Antwort wäre in vielen Gesellschaften als Respektlosigkeit des Sohnes gegenüber dem Vater angesehen worden.1.160 Die Väter spielen mit ihren kleinen Kindern oder tragen sie im Camp herum. Einzelne Grasschirme der Familien bilden das Lager der !Kung. Diese sind um einen elliptischen Innenplatz angeordnet. Die einzelnen Gespräche zwischen den Gruppenmitglieder sind für die Angrenzenden ohne weiteres verständlich.

Viele Fragen wurden durch die Feldforschung von Draper beantwortet, gleichzeitig blieben auch viele offen, z.B. wie Entscheidungen innerhalb der Gruppe getroffen werden, ob Frauen oder Männer mehr Einfluß innerhalb der Gruppe oder der Familie ausüben?


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Isabella Andrej
1999-03-04