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1.3.2 Famlienorganisation

Jäger und Sammler sind immer exzellent an die Umweltressourcen angepaßt. Diese bestimmen die Größe der Gruppe, die mit Nahrung versorgt werden kann. Es gibt nur beschränkte Möglichkeiten Vorräte an Nahrungsmitteln anzulegen, deshalb muß die Nahrung täglich bzw. in kurzen Abständen gesammelt oder gejagt werden, um das Überleben der Gruppe zu sichern. Dies gilt für den ersten Homo sapiens ebenso wie für rezente Jäger- und Sammlergesellschaften. Die Reziprozität zwischen den Mitgliedern ist dabei ein wesentlicher Faktor.

Die wichtigste ökonomische Einheit ist die Kernfamilie. Jeder einzelne Jäger ist auf seine sammelnde Frau angewiesen und umgekehrt. Da die Jagd einen größeren Zeitaufwand erfordert und nicht immer erfolgreich endet, muß sich der Jäger auf die von der Frau gesammelte Nahrung verlassen können. Auch bei Jägern und Sammlern gibt es unterschiedliche Familienorganisationen: manchmal hat ein Mann mehrere Frauen, selten lebt eine Frau mit mehreren Männern (nur wenn es einen eklatanten Männerüberschuß gibt). Vereinzelt sind auch größere Familienverbände vorhanden: Großeltern, oder mehrere verheiratete Brüder oder Schwestern mit ihren Frauen oder Männern und Kindern. Sie haben eine strikte geschlechtliche Arbeitsteilung, deshalb kann weder ein Mann ohne Frau noch eine Frau ohne Mann existieren.1.130 Stirbt ein Teil des Paares, muß er/sie so bald wie möglich durch einen neuen Partner ersetzt werden. Hier finden sich Parallelen zur Landwirtschaft.

Nach Gough stellt sich die Familienorganisation folgendermaßen dar: Bei Jägern und Sammlern bilden 50 % oder mehr Kernfamilien mit polygamer Bindung (1 Mann mit 2 oder mehreren Frauen und ihre Kinder). Die reine Kernfamilie sei die häuftigste Form. Ein Drittel der Familien besteht aus ,,Stammfamilien``, d.h. Eltern leben mit einem verheirateten Kind und den Enkelkindern zusammen; weitere verheiratete Kinder leben in unabhängigen Einheiten. Nur ein kleiner Anteil lebt im großen erweiterten Familienverband mit mehreren verheirateten Brüdern oder Schwestern, deren Gatten und Kindern zusammen.1.131 Murdock (1967) gibt an, daß von den 175 Jäger- und Sammlergesellschaften seiner Untersuchung 47 % reine Kernfamilien, 38 % Abstammungsfamilien und 14 % erweiterte Familien hatten.1.132 In den Werken von Morgan ,,Die Urgesellschaft`` (1877) und Engels ,,Die Entstehung der Familie, des Privateigentums und des Staates`` (1884) sind die Verwandtschaft und Territorialität als Grundlagen aller Gesellschaften vor der Entstehung des Staates anzusehen. Nach Gough ist es aber die Kern-Familie, die gemeinsam mit der territorialen Gruppenbildung das Grundgerüst einer Jäger- und Sammlergesellschaft bildet.1.133

Es ist nach Gough nicht bestreitbar, daß Frauen von Beginn an in wesentlichen Schlüsselbereichen den Männern untergeordnet waren:

Vor dem Entstehen der Landwirtschaft und für weitere Tausende von Jahren danach basierte nach Ansicht von Gough (1975) die Ungleichheit zwischen Mann und Frau auf der Tatsache der langen Abhängigkeit der Kinder (Neotenie kombiniert mit den Anforderungen der einfachen Technologien). Die sozio-kulturelle Ungleichheit zwischen Mann und Frau ist aber variabel: sie ist abhängig von der ökologischen Umwelt und der geschlechtlichen Aufteilung von ,,Aufgaben``. Die Ungleichheit innerhalb der Kernfamilie ist eher ein Resultat des Überlebens, als durch männlich kulturelle Einwirkung entstanden.

Die Anerkennung dieser Sachverhalte vollzog sich relativ langsam, nicht zuletzt deshalb, weil - so Slocum - die ethnologische Forschung weitgehend von westlich männlich dominierten Fragestellungen ausgegangen ist, in denen unter anderem immer wieder die Bedeutung der Jagd in den Vordergrund gestellt wurde.1.135

Washburn und Lancaster, auf welche sich Slocum bezieht, sehen in der Jagd mehr als eine ökonomische Aktivität der Männer, das Jagen wird als Gesamtmuster von menschlichen Aktivitäten begriffen:


11biology, psychology, and customs that separates us from apes - all these we owe of the hunters of time past.1.136
Darauf antwortet Jane Kephart:

11 Since only males hunt, and the psychology of the species was set by hunting, we are forced to conclude that females are scarcely human, that is, do not have built-in the basic psychology of the species: to kill and hunt and ultimately to kill others of the same species. The argument implies built-in aggression in human males, as well as the assumed passivity of human females and their exclusion from the mainstream of human development.1.137

Diese Theorie würde bedeuten, daß die Hälfte der Menschheit - nämlich die Frauen - aus der Evolution ausgeschlossen gewesen wären und die ersten Werkzeuge wären danach Waffen gewesen! Aber die fossilen Funde geben uns über den Verwendungszweck von materiellen Dingen keine Auskunft. Deshalb findet Slocum, es sollte nicht über Werkzeug- und Waffengebrauch gesprochen werden, sondern von kulturellen Erfindungen. Die erste und wichtigste Erfindung für die Menschheit seien Hilfen zum Tragen der gesammelten Nahrung und der Kleinkinder gewesen.1.138 Ein weiteres Argument bei Washburn und Lancester ist die Kooperation der Jäger. Sie hätten dadurch eine bessere Sozialorganisation und Kommunikationsform entwickelt. In diesem Zusammenhang sehen sie auch die entscheidende Voraussetzung für das Gehirnwachstum. Sie berücksichtigen dabei nicht, daß sich auch Frauen organisieren und komplexere Bande knüpfen mußten. Washburn und Lancaster stellten sich nie die Frage: ,,Was taten die Frauen, während ihre Männer auf der Jagd waren?``. Am Beispiel der !Kung Frauen soll diese Frage beantwortet werden.


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Isabella Andrej
1999-03-04