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1.3 Jäger- und Sammlergesellschaften

Häufig wurden die Aktivitäten der Jäger höher eingeschätzt als sie tatsächlich waren oder sind. Die Buchtiteln der ethnologischen Literatur über Jäger- und Sammlergesellschaften wurden häufig einseitig gewählt. Warum das so ist, versucht Elman R. Service zu erklären. ,,The Hunters`` nannte er sein Buch deshalb, weil dieser Titel interessanter klingt als ,,The Cleaners,`` oder ,,The Foragers``.1.104

Nach Uwe Wesel gibt es seit mindestens ein bis zwei Millionen Jahren Menschen und er meint, daß diese Schätzungen immer weiter nach rückwärts gerückt werden müssen.1.105 Diese Einschätzung ist heute überholt: Wesel hat in diesem Zusammenhang - ebenso wie die klassischen Evolutionisten - nicht zwischen den Hominiden und dem Homo sapiens unterschieden. Der Homo sapiens lebt erst seit ungefähr 100.000 bis 70.000 Jahre als eigene Spezies und Bodenbau ist im Vergleich dazu eine sehr neue Art der Nahrungsmittelbeschaffung. Die ersten bekannten Bodenbauern waren die Natufier in der Levante.1.106

Marianne Weber schreibt im Stil ihrer Zeit folgendes über Jäger und Sammler:


11die - an unsren heutigen Kulturwerten gemessen - primitivste Form des menschlichen Gemeinschaftslebens pflegt man die nomadisierende ,,Horde`` gewisser, nach der Art ihres Nahrungserwerbs als ,,niedere Jägervölker`` bezeichneter Volksstämme anzusehen. ... Entscheidend für die Art des Nahrungserwerbs jener heute kulturärmsten Volksstämme ist ihre Genügsamkeit mit dem, was die Natur ihnen an animalischen und vegetabilischen Nahrungsmitteln unmittelbar bietet, und die Planlosigkeit ihrer Bedürfnisbefriedigung: das Merkmal der ,,Wirtschaft``: die Vorsorge für die Zukunft, fehlt ihnen noch ganz.1.107

Die Art der Lebensführung hat mit weitgehendem Mangel an Werkzeugen und politischen Institutionen irgendwann überall eine bestimmte Wirkung ausgeübt. Mit anderen Worten sie kennen keine Vorratshaltung, deshalb verteidigen sie sich gegen Fremde/Feinde, um ihre Nahrung zu sichern. Marianne Weber nennt sie ,,niedere`` und ,,höhere`` Jägervölker und als Unterscheidungsmerkmale, die für ihre Gesellschaftsform von Bedeutung waren, werden angeführt:

1.
Art der Nahrungsbeschaffung: tägliche Nahrungssuche ohne Vorratswirtschaft bedeutet ständiges Wechseln von Überfluß und Mangel an Nahrungsmitteln;
2.
Eigentum: Waffen, Schmuckstücke, Kleider, Zelte sind das Eigentum desjenigen, der sie verfertigt hat;
3.
Politische Organisationen: diese fehlen in Friedenszeiten. Der Stamm bildet ein Aggregat selbständiger Mischgruppen, die jede für sich ihre materiellen Interessen vertritt. Bei Bedrohung von Fremden, um Sein oder Nichtsein aller entsteht zwischen ihnen ein Gemeinschaftsgefühl, aber dauernde Machtunterschiede fehlen. Im Kampf übernimmt der Tüchtigste die Leitung, in Friedenszeiten liegt die Autorität hingegen bei den Alten, den Kennern der überlieferten Sitten und Gebräuche.1.108

Bei den ,,Hordengenossen`` fehlen dauernde Machtunterschiede, und sie leben in Kleinfamilien (Vater, Mutter und unerwachsene Kinder), die keinen dauerhaften Bestand haben. Diese Art der Familienorganisation wurde in der Literatur des 19. Jahrhunderts als ,,Paarungsfamilie`` oder ,,lose Familie`` bezeichnet. Es seien ausschließlich materielle Bedürfnisse, die Mann und Frau zu längerem oder kürzerem Zusammenleben zwingen. Aber hier führt Marianne Weber auch die Bedürfnisbefriedigung an: es besteht sowohl ,,das Schutzbedürfnis des Weibes für sich und ihre Kinder``, als auch ,,das Streben des Mannes nach Erleichterung des Nahrungswerbs und die Befriedigung des Geschlechtstriebs``. Die Vorstellung, daß beiden Geschlechtern der Begriff von Ehe und Familie fehle - d.h. die rechtliche und moralische Anerkennung von dauerhaften Verpflichtungen der Gatten untereinander und gegenüber ihren Kindern - dieses Fehlen sei ein weiteres Merkmal von Jäger- Sammlergesellschaften. Die Mutter-Kind-Beziehung sei ,,aus Ermangelung an Tiermilch`` ausgeprägt, besteht lange und stellt seelisch eine wesentlich festere Bindung dar, als die zwischen Mann und Frau. Aber die rein instinktmäßige Mutterliebe verblaßt, sobald das Kind ihrer physisch nicht mehr bedarf, oder aber der Frau zur Last fällt. Um diese Feststellung zu belegen, verweist Marianne Weber auf eine australische Mutter und schreibt dazu:


11 Wird z.B. der australischen Mutter während der meist zweijährigen Säugeperiode ein zweiter Sprößling geboren, so tötet sie häufig das Neugeborene, oder gibt es beim Verlassen der Lagerstätte preis. - Vom 5. bis 6. Lebensjahr an müssen die Kinder schon einen Teil ihrer Nahrung selbst suchen.1.109

Gatten in Jäger- und Sammlergesellschaften sind aufeinander angewiesen, da gerade bei der Versorgung von Kindern beide die Verantwortung tragen, um die Überlebenschancen des Kindes oder der Kinder zu sicher. Geburtenkontrolle oder Infantizid sind unter diesen Bedingungen nicht zu unterschätzende Faktoren. Jäger- und Sammlergesellschaften sind ständigen Veränderungen ausgesetzt und müssen sich an ihre jeweilige Umgebung anpassen. Wird ihnen die Grundlage der Nahrungssuche genommen, sind sie gezwungen, Alternativen zu finden. Dazu zählen günstige Nahrungsquellen an Flüssen, Seen oder bestimmten Waldgebieten mit reichem Vorkommen von Wild.

Saisonale Seßhaftigkeit und deren zeitliche Ausdehnung führten zu einem Bevölkerungsanstieg, der bei einer nomadisierenden Lebensweise normalerweise kaum ins Gewicht fällt. Durch die Seßhaftigkeit und der damit verbundenen Vorratswirtschaft mußte sich auch die Beschaffung der Nahrungsmitteln verändern. Hannes Wimmer nennt vier Punkte, die eine erhebliche Variation in der Gesellschaftsstruktur zur Folge hatte:

1.
Veränderung der Gesellschaft in ihrem Territorialbezug
2.
Steigende Bedeutung von Verwandtschafts- und Residenzregeln
3.
Vermögensdifferenzierung
4.
Politik: Mobilität als Statregie der Konfliktvermeidung wird durch Seßhaftigeit stark eingeschränkt, dadurch steigen die Anforderungen an die Konfliktfähigkeit des Kollektivs wie auch an das Konfliktmanagement des Dorfvorstehers.1.110

Im 4. Punkt bezieht sich Wimmer unter anderem auf die Beschreibung von Patricia Draper1.111 über die Auswirkungen der Seßhaftwerdung von Teilen der nomadisierenden !Kung Bushmen.


11 Kristallisationspunkt der Veränderung ist das Haus bzw. die Lehmhütte. Mit dieser entsteht eine neue Dimension der sozialen Raumorganisation: das Innere der Hütte wird gegen Blicke abgeschirmt, ein Raum privater Exklusivität gegenüber einem Außenraum in der Mitte des Dorfes, der durch die Hütten gebildet wird, ein öffentlicher Raum und - wenn man so will - ein Raum für Politik.1.112

Jäger- und Sammlergesellschaften leben heute mehrheitlich in äußerst ungünstiger ökologischer Umgebung. Sie werden immer weiter in Randgebiete zurückgedrängt. Die Frage ist, warum halten sie trotzdem an ihrer nomadisierenden Lebensweise fest? Die Antwort ist fast zu einfach: sie bleiben solange Jäger und Sammler, solange sie sich und ihre Kernfamilie ohne größere Probleme und Zeitaufwand ernähren können. Die Nahrungsressourcen sind der ausschlaggebende Faktor für ihre Lebensweise. Viele Jäger und Sammler arbeiten - in unserem Sinne - relativ wenig. McCarthy und McArthur schrieben über die australischen Aborigines im Arnhem Land, daß Männer wie Frauen etwas weniger als vier Stunden pro Tag aufwenden, um ihre Nahrungsbedürfnisse zu befriedigen. Und als R.B. Lee fragte, warum die von ihm untersuchten !Kung nicht Bodenbau betreiben wie ihre Nachbarn, antworteten sie ihm:


11 Why should we plant when there are so many mongongo nuts (the !Kung staple) in the world? ... The productivity of gathering has led some anthropologists to speculate that hunter-gatherers are the most leisured peoples in the world. However, other studies show that some swidden cultivators spend much less time making a living than do hunter-gatherer. Since there is a tendency for humans to select the most efficient (or easiest) and secure way of providing food for themselves, we believe it is safer to conclude that the food procurement method employed by a people is the most productive for the environment in which they live.1.113

Marshall Sahlins Formulierung über die erste und eigentliche Überflußgesellschaft ,,first affluent society`` bei Jägern und Sammlern ist heute nicht mehr ohne weiteres zu akzeptieren. Die Folge dieses Überflusses ist für sie - nach Sahlins - der Mangel an Vorratshaltung, der ihnen technisch möglich und auch bewußt war; aber Jäger- und Sammlergesellschaften sehen Vorratshaltung als überflüssig an.1.114 Das oben zitierte Beispiel widerlegt aber diese einheitliche Meinung. Wenn für Jäger- und Sammlergesellschaften eine bestimmte Frucht (z.B. Mongongo Nüsse) für die Vorratsbildung nützlich erscheint, ohne Mehraufwand von Arbeit, dann werden auch in eingeschränkter Form - durch Wanderschaft bestimmt - Vorräte gebildet. Die Folge ihrer Wirtschaftsform ist das notwendige Wandern, um sich mit ausreichender Nahrung zu versorgen.

Untersuchungen über Jäger- und Sammlergesellschaften ergaben, daß ihre Gesamtnahrung nur aus 20 % bis höchstens 40 % aus Fleisch (mit Ausnahme der Arktisregion) zusammengesetzt ist. Die Jagd und damit verbunden der Beitrag der Männer zur Versorgung der Familie, wurde entschieden überbewertet. Die von den Frauen gesammelte pflanzliche Nahrung sichert mit Abstand das Überleben der Jäger- und Sammlergruppen. Ein weiteres Vorurteil wurde widerlegt: Jäger- und Sammlergesellschaften wären ständig vom Hunger und Hungertod bedroht und wären unablässig auf der Suche nach Nahrung. Deshalb hatten sie keine Zeit sich auf effizientere Methoden des Überlebens zu konzentrieren. Inzwischen steht fest, daß sie im Durchschnitt nur zwei bis vier Stunden täglich - inklusive der Zubereitung der Nahrung - dafür benötigen.1.115

Ihre Lebensweise bringt auch Nachteile mit sich. Der Lebensraum ist durch das Vorrücken der Ackerbauern und der Industriegesellschaft bedroht. Das Wandern und die Suche nach neuen Sammel- und Jagdgebieten ist Teil ihrer Lebensweise. Die Beweglichkeit dieser Gruppen schränkt ihre Besitztümer ein, erschwert die Vorratshaltung von Nahrungsmittel erheblich, beschränkt die Zahl der Nachkommen; Alte und Kranke sind eine zusätzliche Belastung. Das soziale Leben ist egalitär und wird bestimmt durch:

1.
lokale Verknappung, die durch Wanderungen gelöst werden, Raum- und Zeitbedarf begrenzt die Mitglieder;
2.
Verknappung von bevorzugter Nahrung wird durch ähnliche ersetzt. Die Flexibilität bei der Ernährung und den Eßgewohnheiten ist besonders groß;
3.
Konflikte müssen kanalisiert werden, da sie Gewalt und Gegengewalt auslösen würden.1.116

Das Kollektiv einer Jäger- und Sammlergemeinschaft entscheidet über Vorhaben, die zum Teil die ganze Gruppe betreffen - es wird z.B. ein Ortswechsel geplant, der entweder die ganze Gruppe betrifft, oder nur eine bestimmte Anzahl von Personen - wie etwa Jagdzüge der Männer. Manchmal gibt es Wortführer, Männer, aber auch ältere Frauen, die eine anerkannte Autorität ausüben.1.117 Konfliktfälle werden meist durch gemeinsame Beratung gelöst, insgesamt sind Konflikte innerhalb der Gruppe aber gefährlich:


11 Konfliktunterdrückung, Konfliktvermeidung und Prämien für die Rolle des ,,Vermittlers`` sind daher charakteristisch mit der Folge, daß Konflikte als Quelle gesellschaftlicher Variation kaum genutzt werden können. - Aus evolutionstheoretischer Perspektive sind segmentäre Gesellschaften durch den Variationsmechanismus ,,unterversorgt``. Dies erklärt, warum sich Gesellschaften, wie etwa die nordaustralischen Tiwi, über 17.000 Jahre (!) hindurch kaum verändert haben. Evolution ist daher keine Notwendigkeit, sondern an bestimmte Voraussetzungen gebunden, die erfüllt sein müssen - wie in der biologischen Evolution auch.1.118

Jäger und Sammler leben heute nur noch in Randgebieten (Wäldern, Bergregionen, der Arktis oder in Oasen, am Rande von Wüsten), vor allem in Regionen, wo die Kultivierung des Bodens unmöglich ist. Dazu zählen: die Eskimo (Inuit), viele kanadische und südamerikanische Indianergesellschaften, die Busch-BaMbuti (Pygmäen), die Bushmen im südlichen Afrika, die Kadar von Süd-Indien, die Veddah Ceylons und die Andamanen im indischen Ozean.1.119

Zusammenfassend können als charakteristische Merkmale von Jäger- und Sammlergesellschaften folgende angeführt werden:

1.
Die nomadisierende Lebensweise: sie beeinflußt die Sozialorganisation und beschränkt die materiellen Güter.
2.
Die Begrenzung der Gruppengröße: zwischen 20 und 200 Mitgliedern, meist aber weniger als 50.
3.
Gliederung in Kernfamilien, die zu bestimmten Jahreszeiten getrennt auf Nahrungssuche gehen.1.120
Die ,,domestic family`` ist häufig die einzig bestehende face-to-face Gruppe, obwohl Brüder mit ihren Familien sich auf ihren Wanderungen treffen und zeitweise gemeinsam jagen und sammeln. Die nächst größere Einheit ist die ,,Band`` selbst. Sie wird dadurch definiert, daß sich ihre Mitglieder eng miteinander verbunden fühlen, nicht untereinander heiraten, in einigen Fällen sich selbst territorial als Einwohner und/oder ,,Besitzer`` eines Ressourcengebietes sehen, oder sich in totemistischen oder zeremoniellen Treffen vereinigen und sich dadurch von anderen abgrenzen.1.121 Service definiert die Gruppen folgendermaßen:

11 The groups, the subdivisions of the society, are thus all familistic, however extended the kinship ties may become.
And finally, band society is simple in that there are no specialized or formalized institutions or groups that can be differentiated as economic, political, religious and so on. The family itself is the organization that undertakes all roles. The important economic division of labor is by age and sex differentiations; when political functions, such as leadership, are formal they are again merely attributes of age and sex statuses; even the most prominent ceremonies are typically concerned only with an individual`s life-crisis rites of birth, puberty, marriage, and death. This fact exemplifies why the band level of society is a familistic order in terms of both social and cultural organization.1.122
4.
Einfache, aber angepaßte und zweckvolle Technologien: Tragehilfen, Netze, Pfeil und Bogen, Speere, Nadeln, Lederbekleidung, temporäre Blätter- oder Holzbauten, die sie gemeinsam bewohnen. Dazu schreibt Elman R. Service (1979):

11 Their culture and society are rudimentary in certain respects, most obviously in technology and in social complexity, but in some other respects their culture is as elaborate as our own.1.123
5.
Die meisten fischen, jagen und sammeln in großen Territorien und wechseln häufig ihre Camps.
6.
Ihr Sozialleben ist egalitär; teilweise gibt es Personen mit besonderen Fähigkeiten wie Schamanen und/oder Magier, die einen höheren Status innerhalb der Gruppe einnehmen.
7.
Die Arbeitsteilung ist nach Geschlecht und Alter organisiert.
8.
Sie nutzen die Ressourcen der Umwelt gemeinsam.
9.
Werkzeuge und persönliche Gegenstände werden untereinander ausgetauscht.
10.
Die ,,Band``-Führerschaft übernimmt jene Person, die der Gruppe am ,,nützlichsten`` erscheint, Mut hat, Konflikte innerhalb der Gruppe lösen kann und Voraussicht für gemeinsame Aktivitäten besitzt. Für diese Position sind Menschen mit Erfahrung besonders geeignet, Männer wie auch ältere Frauen.
11.
Die wichtigste Einheit besteht zwischen Männern, Frauen und ihren Kindern, die ökonomisch kooperieren und die Arbeit untereinander aufteilen.1.124



 
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Isabella Andrej
1999-03-04