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Next: Literatur Up: Matrilineare Gesellschaften Previous: 6.4.4 Matrilinearität und Uxorilokalität

Zusammenfassung

In der vorliegenden Arbeit wurde anhand von unterschiedlichen theoretischen Ansätzen versucht, mögliche Erklärungen für das Entstehen von matrilokalen und matrilinearen Gesellschaften zu untersuchen. Ausgangspunkt waren die Annahmen der Evolutionisten des 19. Jahrhunderts und dabei vor allem Bachofens ,,Mutterrecht`` (1861), der anhand von Mythen des Altertums die Rechtsstellung von Frauen interpretierte. Er hatte, wie Uwe Wesel es nennt, selbst einen Mythos geschaffen, der für lange Zeit, teilweise bis heute, weitergesponnen werden sollte. Aber bereits Marianne Weber zeigte 1907 in ihrer Schrift ,,Ehefrau und Mutter in der Rechtsentwicklung. - Eine Einführung`` die Unhaltbarkeit der Hypothese eines universalen ursprünglichen Matriarchats in der Entwicklung menschlicher Gesellschaften - Matriarchat im Sinne einer Herrschaft von Frauen über den ,,Rest`` der Gesellschaft. Sie konnte auf eine gewisse ,,Beteiligung der Frauen am öffentlichen Leben`` verweisen und begründete dieses Phänomen mit einem ,,Vatermangel`` - wie sie es nennt, welcher verschiedene Ursachen haben kann: in allen Gesellschaften gebe es Familien ohne Väter im ,,Rechtssinn``, z.B. nach Scheidungen, Tod oder auch aufgrund unehelicher Geburt, aber dies sei kein allgemeiner Zustand in einer ,,Entwicklungsstufe``, sondern zu allen Zeiten in der Menschheitsgeschichte immer nur eine Randerscheinung gewesen. Für diesen Randbereich der Gesellschaft nimmt sie eine ,,Muttergewalt`` an und dadurch entstünden mutterseitige Verwandtschaftsbeziehungen, die eine Nebenerscheinung des ,,herrschenden Patriarchalismus`` sei.6.1

Marianne Weber hatte mit ihrer These vom ,,Vatermangel`` im Prinzip nicht ganz unrecht, ihr fehlte im Grunde nur eine überprüfbare Begründung dafür. Wie wir bereits sahen, ist der ,,Vatermangel`` sogar ein gravierenderer Faktor, als Marianne Weber vermutete. Auf diesen Punkt wird später noch näher eingegangen. Festzuhalten bleibt, daß Marianne Weber sowohl den evolutionistischen Standpunkt ablehnte, als auch aufgrund ihrer historischen Forschungen keinerlei Anhaltspunkte dafür fand, daß die Rechtslage von Frauen irgendwann einmal einer ,,Gynaikokratie`` nahegekommen wäre.

Damit unterscheidet sich Marianne Weber sogar von - an Bachofen anschließende - Interpretationen der letzten Jahrzehnte, in denen teilweise noch immer die Matriarchatsfrage gestellt wird, nicht im Rechtssinn, sondern über den religiösen Bereich, wie die folgenden Buchtiteln zeigen: ,,Wiederbelebung der Göttinnen?`` (1989) von Susanne Heine; oder ,,Göttinnendämmerung. - Das Matriarchat aus archäologischer Sicht`` (1996) von Brigitte Röder, Juliane Hummel und Brigitta Kunz, aber auch ,,Das Matriarchat II.1. - Stammesgesellschaften in Ostasien, Indonesien, Ozeanien`` (1991) von Heide Göttner-Abendroth. Diese Diskussionen, die wiederum von ,,Herrschaft`` und ,,Herrschaftsbeziehungen`` zwischen den Geschlechtern ausgehen, fallen meines Erachtens hinter den Forschungsstand von Marianne Weber zurück. Meine Kritik an diesen Schriften besteht im wesentlichen darin, daß sie die Befunde der ethnologischen Forschung zu matrilinearen Gesellschaften nicht zur Kenntnis nehmen. Vier Punkte erscheinen mir dazu so wichtig, um sie hier noch einmal anzuführen:

1.
Insbesondere die ethnologischen Forschungsergebnisse zu Jäger- und Sammlergesellschaften zeigen, daß es keine wie immer gearteten institutionalisierten Herrschaftsbeziehungen - welcher Art auch immer - gibt; auch der ursprüngliche Homo sapiens, der als solcher von den höheren Primaten unterschieden werden kann, muß als Jäger und Sammler gelebt haben. Die ethnologische Forschung findet auch keinerlei Hinweise auf biologisch begründbare ,,Herrschaftsbeziehungen`` in Jäger- und Sammlergesellschaften. Die Geschlechterbeziehungen können sich von den egalitären Strukturen dieser Gesellschaften folglich gar nicht unterscheiden.
2.
Beim Übergang zu Bodenbau und permanenten Siedlungen ergeben sich einige gravierende Veränderungen: es entsteht eine Differenz zwischen häuslichem Innenraum und öffentlichen Dorfplätzen; Heiratsregeln und postmaritaler Wohnort gewinnen an Bedeutung und daraus ergibt sich für einen Ehepartner ein Vorteil, wenn der Geburtsort gleichzeitig lebenslang der Wohnort bleibt, d.h. bei Patrilokalität, daß der Ehemann mit seinen Brüdern einen gemeinsamen Wohnort besitzt, oder im Falle von Matrilokalität/Uxorilokalität, daß die Ehefrau mit ihren Schwestern am selben Ort lebt. Verwandtschaftsbeziehungen, damit verbunden das Erbrecht von Nutzungsrechten an Grund und Boden, innerhalb einer Verwandtschaftsgruppe werden wesentlich.
3.
Die Kernfamilie als universale Institution der menschlichen Gesellschaft bleibt unangetastet, aber mit einem permanenten Wohnort entstehen unterschiedliche Kooperationsgruppen mit geschlechtlicher Arbeitsteilung. Die häufigeren und engeren sozialen Beziehungen einer seßhaften Gesellschaft stellen neue Anforderungen an die Mitglieder, die durch Rechte und Pflichten normiert werden müssen. Die sexuellen Beziehungen werden innerhalb der Gesellschaft genauer geregelt. So entstehen z.B. polygame Familien durch Mehrfachheirat eines Ehepartners, d.h. ein Ehepartner ist Teil von zwei oder mehr Kernfamilien. Die erweiterte Familie beinhaltet zwei oder mehr Kernfamilien, die durch eine festgelegte Auswahl von zwei bis mehr Generationen eine Gemeinschaft bilden. Der Soziologe Rolf Eickelpasch hat zwar in seiner Untersuchung zur Frage der ,,Universalität der Kernfamilie`` auf einige Gesellschaften hingewiesen, in denen - wie z.B. bei den Nayar in Süd-Indien (Malabarküste, heutiges Kerala) - keine Kernfamilie existiere, weil das Ehepaar keinen gemeinsamen Wohnort aufweist, sondern natolokal lebt. Für Eickelpasch seien die Nayar ein klassischer Beleg gegen die Universalität der Kernfamilie. Eickelpasch führt an, daß die matrilineare Deszendenz bei den Nayar durch häufige Kriegführung und die Abwesenheit der Männer entstanden sei, d.h. die Mutter und ihre Kinder bildeten eine Gemeinschaft ohne Vater. Eickelpasch mißversteht meines Erachtens die soziale Struktur von uxorilokalen-matrilinearen Gesellschaften und deutet deshalb das sogenannte ,,Fehlen`` des Vaters falsch.
4.
Es wurden die Auswirkungen der bevorzugten postmaritalen Residenz auf die Kernfamilie erörtert und dabei vor allem die Gründe für den Übergang von einer zur anderen Residenzform, die die gesamte Sozialorganisation einer Gesellschaft verändern. Die Hervorhebung der Residenzregel relativiert in gewissem Sinne die Bedeutung von Verwandtschaftsbeziehungen, insbesondere für die Stellung der Frau.

In der vorliegenden Arbeit wurde gezeigt, daß die bevorzugte Residenz einen größeren Einfluß auf die Rechtsstellung der Frau hat, als ihr meist zugesprochen wird. Die meisten ethnologischen Schriften vermitteln den Eindruck, die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Abstammungsgruppe sei der wesentliche Faktor für verschiedene Rechte, z.B. für die Vererbung von Nutzungsrechten an Grund und Boden. Dies ist zwar nicht falsch, aber ein eingeschränkter Standpunkt, denn nach der Untersuchung in der vorliegenden Arbeit kann es auch der Wohnort sein, welcher bestimmt, welche Formen der Produktionsgemeinschaft gebildet werden und wie sich daraus ,,Rechte`` ableiten.

Auf der Suche nach Erklärungen für das Entstehen von Uxorilokalität erschien die Arbeit von William Tulio Divale am plausibelsten zu sein. Divale bezieht sich in seiner Schrift ,,An Explanation for Matrilocal Residence`` (1975) auf Keith Otterbein und Charlotte Otterbein (1965), sowie auf Keith Otterbein (1968), die bei bevorzugter Patrilokalität eine signifikante Verbindung zwischen ausgeprägter Polygynie, häufig auftretenden Fehden und internaler Kriegführung sehen. Gesellschaften mit bevorzugter Patrilokalität gemeinsam mit Polygynie sind gekennzeichnet durch internale Disharmonie im Sinne von beiden, innerhalb der lokalen Gesellschaft durch Fehden und innerhalb der Gesamtgesellschaft durch internale Kriegführung.6.2 Hingegen richten Gesellschaften mit vorwiegend uxorilokaler Residenz ihre Feindschaften fast ausschließlich gegen Außenstehende, Fehdeführung ist selten, wie auch internale Kriegführung. Internale Harmonie sei bei bevorzugter Uxorilokalität meist anzutreffen und internale Kriegführung wird durch externale ersetzt. Ausschlaggebend dafür sei die Unterbrechung der fraternalen Interessengruppen - d.h. die agnatischen Verwandten des Mannes leben verstreut in unterschiedlichen Dörfern der Umgebung, dadurch können Männer bei Konflikten auf lokaler Ebene nicht mehr mit der Unterstützung ihrer Brüder rechnen. Die lokale Trennung von erwachsenen Männern unter Matrilokalität/Uxorilokalität hat viel größere politische und soziale Auswirkungen als der Ortswechsel von Frauen bei bevorzugter Patrilokalität. Politische Autorität und das Monopol der Kriegführung sind immer in den Händen der Männer - unabhängig vom Typ der Residenz oder Deszendenz. Bei Matrilokalität erweitert sich das politische Zentrum über die einzelnen Dorfgrenzen hinaus auf alle Dörfer, in denen männliche Verwandte leben. Kriegführung gegen Brüder, d.h. gegen die Nachbardörfer, wird nach mehreren Generationen zunehmend unmöglich.6.3

Diese unterschiedlichen Formen der Austragung von Konflikten benutzte Divale als Grundlage für seine statistische Überprüfung. Die Testergebnisse sprechen für seine Hypothese: Er verglich 33 Gesellschaften mit bevorzugter Patrilokalität6.4 mit 10 Gesellschaften, die Matrilokalität bevorzugen6.5 und kam zu folgendem Ergebnis: Es gibt keinen signifikanten Zusammenhang zwischen Matrilokalität und der Dominanz eines Geschlechts bei der Subsistenzproduktion.

Divale konnte in seiner Auswertung die Hypothese bestätigen, daß es eine signifikante Verbindung zwischen bevorzugten matrilokalen Residenzmustern und der Variable Migration bei den einzelnen Gesellschaften gibt, die in den letzten 500 Jahren in das heutige Siedlungsgebiet kamen. Bei den 10 genannten matrilokalen Gesellschaften migrierten 9 in den letzten 500 Jahren ins heutige Siedlungsgebiet, die Zuñi jedoch als einzige Gesellschaft mit bevorzugter matrilokaler Residenz waren nicht migriert. Divale erklärt diese Ausnahme damit, daß die Navaho und Apachen, die in derselben Region leben, kürzlich in das Gebiet migrierten. Die Bedingungen des Ungleichgewichts, die als Grund für den Übergang zur Matrilokalität genannt wurden, setzten sich für beide, die Migranten und die ansässige Bevölkerung durch. Um diese Annahme abzusichern, wird ein linguistischer Vergleich durchgeführt, d.h. wenn Gesellschaften in ein Gebiet migrierten, dann sollte keine Sprachverwandtschaft bestehen. Dies konnte eindeutig bestätigt werden.

Divale geht bei seiner Theorie - wie bereits bei Murdock angeführt - davon aus, daß es in segmentären Gesellschaften immer wieder zu größeren Migrationsbewegungen gekommen ist. Die Ursachen für Migrationsbewegungen können vielfältig sein: ein Ungleichgewicht zwischen vorhandenen Umweltressourcen und der Bevölkerungsanzahl, neue Technologien (z.B. neue Methoden in der Subsistenzwirtschaft), aber auch die europäische Kolonisation, die teilweise die ansässigen Bevölkerungsgruppen zwangen, in bestimmte Regionen auszuweichen, untereinander solidarischer zu handeln und Feindschaften eher gegen andere (z.B. gegen Kolonialbeamte) zu richten.6.6

Der Migration wurde in der vorliegenden Arbeit reichlich Raum gewidmet, z.B. den von Jan Vansina (1992) genannten unterschiedlichen Formen von Migrationsbewegungen: Expansion, Diaspora oder Segmentierung, Massenmigration, Band-Migration und Elite-Migration.6.7 Die ,,Massenmigration`` in bereits bewohnte Gebiete war mit einiger Wahrscheinlichkeit am konfliktreichsten. Kriege wurden geführt, um die Balance zwischen Umweltressourcen und Bevölkerungsanzahl wieder herzustellen, wie Divale vermutet. Dadurch wird entweder eine der Bevölkerungsgruppen verdrängt (die Neuankömmlinge oder die ansässige Bevölkerung) oder es ergibt sich eine kriegsbedingte Entvölkerung (depopulation) auf beiden Seiten der Konfliktparteien. Dabei ergeben sich Vorteile bei derjenigen Gruppe, die sich darin als besonders ,,anpassungsfähig`` erweist, ihre internale Kriegführung durch externale Kriegführung zu ersetzen. Unter dieser Annahme überprüfte Divale den Zusammenhang von bevorzugter Residenz mit den Kriegführungsmustern: internal, oder internale und externale Kriegführung, im Vergleich zu nur externaler Kriegführung. Das Ergebnis zeigt, daß 8 matrilokale Gesellschaften ausschließlich externale Kriege führen und 2 internale, oder internale und externale. Gleichzeitig sollte aber auch angemerkt werden, daß bei den 33 Gesellschaften mit bevorzugter Patrilokalität immerhin 8 Gesellschaften ebenso ausschließlich externale Kriege führten.

Divale muß sich die Kritik gefallen lassen, daß er teilweise die Variablen so gewählt hat, daß sie mehrere Möglichkeiten zulassen. Außerdem sind seine vier Kreuztabellen (Figures), in denen er seine Testergebnisse nach Gesellschaften auflistet, teilweise ungenau. In drei Tabellen verwendet er nur 42 Gesellschaften für den cross-cultural Vergleich, statt der genannten 43; in Tabelle 3 sind die Zahlenangaben in der Kreuztabelle, bis auf diejenigen Gesellschaften mit bevorzugter Matrilokalität und Sprachdifferenz mit den Nachbarn, insgesamt falsch. Von den als Sample genannten 43 Gesellschaften werden in der Kreuztabelle nur 39 namentlich angeführt. Trotz dieser statistischen Ungenauigkeiten finde ich, daß Divale einen sehr guten Ansatz für die Erklärung der Entstehung von Matrilokalität gewählt hat. Die nachfolgende Graphik, die von Divale übernommen wurde, zeigt den langfristigen Zyklus über einen Zeitraum von 1000 bis 2000 Jahren, in welchem sich ein Gesellschaftswandel vollziehen kann. Vereinfacht zusammengefaßt können die Veränderungen einer Gesellschaft mit Patrilokalität/-linearität und internaler Kriegführung durch die Migration einsetzen, die den Übergang zur bevorzugten Uxorilokalität und bilateraler Deszendenz einleiten, internale Kriegführung wird durch externale ersetzt und Matrilokalität in Verbindung mit Matrilinearität könnte als beste Form der Sozialorganisation angesehen und übernommen werden. Die entscheidenden Variablen zur Erklärung von Uxorilokalität als Voraussetzung zur Übernahme von matrilinearer Deszendenz sind ,,Migration``6.8 und ,,externale Kriegführung``.


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Dieses Modell wurde in der vorliegenden Arbeit den empirischen Fallbeispielen zugrunde gelegt. Die Überprüfung an realen, heute lebenden Gesellschaften mit bevorzugter uxorilokaler Residenz und matrilinearer Deszendenz war nach den Annahmen dieses Zyklus nur begrenzt, wenn überhaupt möglich. Die Migration scheint häufig eine Rolle gespielt zu haben, jedoch bleiben Zeitangaben ungenau, wie auch Aussagen über den Verlauf und die Art der Migrationsbewegung. Die Annahme des Übergangs zur externalen Kriegführung wird zwar angenommen, konnte aber nur für einige Fallbeispiele mit einiger Sicherheit nachgewiesen werden.

(1) Bei den irokesischen Stämmen konnte eindeutig festgestellt werden, daß externale Kriegführung für die Konföderation der Irokesen ein entscheidendes Merkmal darstellte. Kriege wurden nicht zwischen benachbarten Dörfern geführt, sondern gegen andere Konföderationen, wie z.B. gegen die Konföderation der Wendat/Huronen, die aber sowohl in der Sozialorganisation (bevorzugte uxorilokale Residenz in Langhäusern und matrilineare Deszendenz), als auch der Sprache kaum Unterschiede zu den irokesischen Stämmen aufwiesen. Die Kriegsführungsallianzen dürften sich in Verbindung mit der Ausdehnung der Jagdgebiete entwickelt haben, bevor die ersten Europäer ins Land kamen. Dies bedeutet, daß die Massenmigration vorher abgeschossen worden war und sich bei den Migranten die bevorzugte Uxorilokalität durchgesetzt hatte. Der Zusammenschluß einzelner verbündeter Bevölkerungsgruppen in Konföderationen förderte aber auch die externale Kriegführung gegenüber Migranten, die eine enge Sprachverwandtschaft aufwiesen. Migration, externale Kriegführung und die nachfolgende Expansion der Jagdgebiete waren die Grundlage für die Aufwertung der Stellung der Frauen, ihres Wohnortes, die Abstammung und Vererbung über die weibliche Seite innerhalb der Gesellschaft. Das Langhaus symbolisierte dabei die Gesamtheit der Gemeinschaft der Frauen und die Geschlechterbeziehungen. Nach archäologischen Ausgrabungen in der Umgebung des heutigen Syracuse im Bundesstaat New York seien die irokesischen Stämme bereits um das Jahr 1000 n.Chr. nachweisbar. Es wurden Überreste eines Langhauses gefunden und ein über 100 m langes Haus freigelegt. Überreste von Töpferwaren lassen auf Einflüsse von der südlichen Hopewell-Kultur schließen.6.9 Die irokesischen Stämme sind im Sampel von Divale enthalten und gekennzeichnet durch: bevorzugte Matrilokalität, Frauen dominieren in der Subsistenzwirtschaft, sie sind während der letzten 500 Jahre ins heutige Siedlungsgebiet migriert, weisen nach Divale keine Sprachverwandtschaft mit ihren Nachbarn auf und üben ausschließlich externale Kriegführung. Auch hier wird sichtbar, daß die Einteilung, die Divale vornimmt, sowohl bei der eindeutigen Klärung der Zeitspanne zwischen Migration, aber auch bei der Sprachdifferenz nicht ganz unproblematisch ist: Richtig ist, daß mittels der von M. Swadesh entwickelte Glottochronologie oder Lexikostatistik die irokesische Sprachfamilie zur Sprachgruppe (Phylum) der Caddo-Iroquois-Sioux zählt und die östlichen Bevölkerungsgruppen, die Algonkin, zur Sprachgruppe der Makro-Algonquian gezählt werden. Die Algonkin sicherten ihre Lebensgrundlage im Norden vorwiegend durch Jagen, Fischen und Sammeln, die im südlichen Landesinneren mit Bodenbau verbunden war. Die externale Kriegführung war aber nicht nur gegen die Algonkin, sondern auch gegen Konföderationen gerichtet, die derselben Sprachfamilie angehörten und dieselben Kriegsführungsstrategien übernommen hatten. Auffällig ist, daß Maskentraditionen und Geheimgesellschaften bei den irokesischen Stämmen vorhanden waren. Es sind teilweise Oraltradition über den Ursprung von Masken überliefert. Sie stehen in Verbindung mit Waldgeistern, oder mit ,,Maisstrohgesichtern``, die die ersten Maiskolben gebracht haben sollen, wie im Ursprungsmythos der Onodaga berichtet wird.

(2) Regionalgebiet Afrika: ,,Der matrilineare Gürtel``
Hier wurden - eher zufällig - vier Beispiele gewählt, welche zwar dem Grundmodell von Divale weitgehend entsprechen, aber doch Variationen aufweisen, welche das Modell an sich nicht vorsieht und daher auch nicht erklären kann.

(a) Über die Maravi-Bevölkerung wird angenommen, daß sie von ihrem Ursprungsgebiet im Südosten Za $\ddot{\imath}$res über Nordost-Zambia nach Zentral-Malawi migrierte, sich im Süden des Malawi-Sees ansiedelte und sich gegenüber der ansässigen Bevölkerung durchsetzte. Im 17. Jahrhundert bildete die Maravi-Bevölkerung eine Konföderation von Chiefdoms, deren regionale Ausdehnung den größten Teil von Ost-Zambia, Zentral- und Süd-Malawi, sowie das nördliche Moçambique umfaßte. Die Maravi-Invasion zum Malawi-See wird mit Hilfe der C-14 Methode auf einen Zeitraum zwischen 1420 und 1480 datiert. Aus diesen historischen Angaben können Migration und externale Kriegführung abgelesen werden. Ihre Anpassung zur Uxorilokalität, damit verbunden internale Harmonie, Erweiterung des politischen Zentrums über die einzelnen Dorfgrenzen hinaus, dürften parallel verlaufen sein. Der hohe Stellenwert der innergesellschaftlichen Harmonie dürfte dazu geführt haben, daß sich bestimmte geschlechtsbezogene Institutionen entwickelten: z.B. der nyau-Geheimbund der Männer und die Initiationsriten der Mädchen im Pubertätsalter. Die Masken- und Geheimbundtraditionen der Männer verstärken ihre Solidarität untereinander, die Mitgliedschaft erhöht den sozialen Status. Auffällig ist bei der Mädchen-Initiation, daß die älteren und erfahreneren Frauen die Initiandin zu Passivität und Disziplin erziehen. Die traditionelle Erziehung der Mädchen dürfte dabei ebenfalls zur Konfliktvermeidung beitragen, nicht nur zwischen den Geschlechtern, sondern auch zwischen jüngeren und älteren Frauen.

(b) In den Oraltraditionen der Lunda-Bevölkerung wird von Auseinandersetzungen zwischen drei Lineages berichtet, die im 14. oder 15. Jahrhundert durch äußere Einflüsse beendet wurden. Eine Lineage, die sich über einen großen Jäger, genannt Chibinda Ilunga identifizierte, übernahm die Vorherrschaft, vermutlich bei den Kriegszügen. In Krieger-Camps außerhalb der Dörfer wurden militärische Disziplin und Kriegstaktik trainiert; entscheidend war aber die flexiblere Rekrutierung von Kriegern, nicht mehr nach Status oder Geburt, sondern nach Kriegstüchtigkeit. Die Lunda-Chokwe-Bevölkerung dürfte über die Kontakte mit der östlichen Kimbundu Bevölkerung ihre internen Lineagekonflikte beendet und durch externale Kriegführung ersetzt haben, wobei aber nicht eine unmittelbar vorangehende Migration stattgefunden haben muß, sondern sich durch Angriffe von außen - ähnlich wie bei den Zuñi - ihre Feindschaft verändert hatte.

In der vorliegenden Arbeit wurden die Publikationen von Eva Rauter über die Luvale Bevölkerung verwendet, die zur Großgruppe der Lunda-Bevölkerung zählt. Die heutige Sozialorganisation der -Luvale entspricht der vorletzten Phase des von Divale angenommenen Zyklus: bevorzugte virilokale Residenz in Verbindung mit noch matrilinearer Deszendenz. Die geschlechtsspezifische traditionelle Erziehung von Mädchen und Jungen scheint sich noch nicht an die neuen Residenzmuster angepaßt zu haben, denn die traditionelle Erziehung von Knaben erfolgt im mukanda; den Initiationsriten der Mädchen im Pubertätsalter wird große Aufmerksamkeit geschenkt. Es wird vermutet, daß sich die Initiationsschulen für Knaben und Mädchen während der Phase der externalen Kriegführung etabliert hatten. Diese Vermutung beruht auf der Beschreibunger eines Krieger-Camps der Imbangala-Militärgemeinschaft: Rekrutierung durch Initiation, Trennung von der Dorfgemeinschaft (Seklusion), erlernen von Disziplin und dem Ertragen von Schmerzen, Bildung von Männer-/Kriegergemeinschaften, die auf Solidarität aufbauen. Daraus könnte geschlossen werden, daß die heutigen Initiationsschulen der Knaben als Tradition der kriegerischen Vergangenheit weiterbestehen. Gemeinsam mit den Masken- und Geheimbundtraditionen der Männer dürften sie als Reaktion auf die verwandtschaftliche Frauengemeinschaft durch die bevorzugte Uxorilokalität beibehalten worden sein. Nach uxorilokalen Residenzregeln lebende Männer versuchten über diese Institutionen ihre Solidaritätsgemeinschaft weiter zu pflegen, um das durch die Bevorzugung des Wohnortes der Frauen entstandene Ungleichgewicht zu kompensieren. Dies wäre aber bei virilokaler Residenz eigentlich nicht mehr notwendig, da die Männer einer Matrilineage im gleichen Dorf leben. Brüder können bei Konflikten mit anderen Mitgliedern des Dorfes wieder auf gegenseitige Unterstützung zählen.

Es wird angenommen, daß sich die traditionellen Erziehungsmethoden erst dann ändern, wenn sie (1) nicht mehr mit der Lebensform kombinierbar sind, z.B. in Städten, durch Veränderung der Lebensgrundlage, oder einem Schulsystem, das mit der traditionellen Erziehung nicht mehr vereinbar ist; (2) Veränderungen müßten eigentlich beide Geschlechter im Pubertätsalter betreffen: durch den virilokalen Wohnort bilden sich wieder fraternale Interessengruppen; zwingt die Schwestern, das Elternhaus nach der Heirat zu verlassen, unterbricht die Beziehungen zwischen den Schwestern und zusätzlich mit ihren Brüdern und Eltern; Virilokalität in Verbindung mit Matrilinearität bedeutet, daß die Brüder und Schwestern einen gemeinsamen patrilokalen Geburtsort besitzen, ihre Lineage-Zugehörigkeit aber über die Abstammungsgruppe der Mutter abgeleitet wird. Dieses Ungleichgewicht zwischen Virilokalität und Matrilinearität könnte der Grund sein, daß die traditionelle Erziehung weiter besteht. Dadurch können ältere Frauen ihr Wissen an die Initiandinnen weitergeben, der Zusammenhang von Alter und Status zwischen Frauen bleibt bestehen, wie auch die Trennung zwischen den Geschlechtern. Dies könnte verhindern, daß die innergesellschaftlichen Konflikte zunehmen, die nach der Theorie von Otterbein und Otterbein bzw. Divale bei Virilokalität häufig auftreten. (4) Bei virilokaler Residenz hätten eigenlich die Initiationsriten der Mädchen nicht mehr dieselbe Bedeutung, die ihnen bei uxorilokaler Residenz zukommen. Nach Judith K. Brown wären vor allem bei matrilokaler und uxorilokaler Residenz die Initiationsriten für Mädchen wesentlich. Entscheidend sei, daß der postmaritale Wohnort der Frauen auch ihr Geburtsort ist. Um den Statuswechsel der Initiandin, aber auch für die Gesellschaft im allgemeinen, zu unterstreichen, wird den Initiationsriten der Mädchen große Aufmerksamkeit geschenkt.6.10 Die verheiratete Tochter lebt also weiterhin in der Hausgemeinschaft ihrer Mutter, ist aber nun selbst Ehefrau oder ebenfalls Mutter. Die Initiationsriten dienen vor allem den Frauen der Hausgemeinschaft, die Statusunterschiede zwischen den Frauen zu regulieren, um Konflikte zu vermeiden.

(c) Die Bevölkerung der Zigua und Ngulu in Ost-Tanzania zählen nach Murdock zur nordöstlichen Küsten-Bantu-Gruppe und werden dem Zigula Cluster zugerechnet. Der Zigula Cluster wird in fünf Untergruppen gegliedert. (1) Bondei, (2) Kwere, (3) Luguru, (4) Nguru, (5) Zigula. Dabei zählen die Ngulu gemeinsam mit den Nguu, Wangulu, Wanguru zur vierten, der Nguru-Bevölkerungsgruppe; die Zigua mit den Ouazigoua, Wazegura, Zeguha und den Ruvu (Rouvou, Ruwu) zur Zigula-Bevölkerungsgruppe. Nach der Darstellung von Elisabeth Grohs (1995) hätten sich die matrilinearen und uxorilokalen Merkmale der Zigua und Ngulu bereits im 19. Jahrhundert mit der Übernahme des Islam stark verändert. Bei der Zigua- und Ngulu-Bevölkerung ist der Zyklus zur Patrilokalität und Patrilinearität beinahe wieder geschlossen. Bei Grohs finden sich darüber kaum Angaben, deshalb wird wiederum auf Murdock verwiesen, der über die Sozialorganisation der Zigua und Ngulu folgendes anführt: innerhalb des Zigula Clusters lebt das Ehepaar zu Beginn der Ehe (meist ein Jahr) nach matrilokalen Residenzmustern. Erweist sich die Ehe nach einem Jahr als stabil, folgt das Ehepaar patrilokalen Residenzmustern.6.11

Obwohl bei der Zigua- und Ngulu-Bevölkerung bereits in der Kolonialzeit die Vererbung über den Mutterbruder auf den Vater übertragen wurde, blieben die Matrilineages erhalten und die Fruchtbarkeit der Frauen sicherte ihren Fortbestand - wie Grohs anmerkt. In der Vergangenheit folgte der ersten Menstruation eines Mädchens eine mindestens einjährige Seklusion, die heute auf drei Monate am Land und in den Städten auf wenige Tage beschränkt ist. Bei den Ngulu wird häufig zu Beginn der Seklusion eine Labiadectomie durchgeführt; bei einigen Zigua-Gemeinschaften erfolgt diese Beschneidungsform erst nach der Geburt des ersten Kindes. Bei der Erziehung der Knaben haben sich gravierendere Veränderungen durchgesetzt: die traditionelle Erziehung der Knaben im Pubertätsalter wurde von den jando-Riten (Rundbeschneidung) ersetzt. Die Übernahme des Islam dürfte auf der männlichen Seite das religiöse Leben wesentlich stärker verändert haben, als auf der weiblichen Seite der Gesellschaft. Dafür sprechen die weiterhin praktizierten Initiationsriten der Mädchen, aber auch die verankerten symbolischen Handlungen während der Initiationsphase. Die Geburt eines Mädchens wird höher geschätzt als die eines Knaben, zumindest von den Frauen, wie dies im zagala-Ritus dargestellt wurde: Kürbiskerne symbolisieren die Geburt eines Mädchens, während die Kerne der Melone, einer nicht sonderlich geschätzten Frucht, die Geburt von Knaben symbolisieren.

In den Oraltraditionen werden die in der Umgebung lebenden Dorobo als wichtigste rituelle Spezialisten angesehen und als die ersten Menschen bezeichnet, die das Land besiedelten. Dies läßt wiederum vermuten, daß die Ngulu- und Zigua-Bevölkerung Migranten sind. Die Dorobo-Bevölkerung, die bis vor kurzem noch Jäger- und Sammler waren, hätten den Ngulu und Zigua über einen mythologischen Helden Bogen und Pfeil gebracht. Nach Murdock zählen die Dorobo zu den ostafrikanischen Jägern; er zählt dazu acht verschiedene Gruppen und nennt als zweite die Dorobo (Andorobo, Asa, Okiek, Wandorobbo). Sie sprechen einen östlichen Sudandialekt, wie ihre früheren Nachbarn, mit denen sie in einem ,,symbiotischen`` Verhältnis standen. Ihr bevorzugter Lebensraum waren die Berggebiete des Nandi- und Masai-Landes in Kenya, später wanderten sie südwärts nach Tanganyika.6.12 Es scheint, daß die Dorobo durch ihre Beweglichkeit und ihre Überlegenheit bei ihren Jagdwaffen - Bogen und Giftpfeile - die Ngulu und Zigua gezwungen haben, ihre internale Kriegführung aufzugeben und durch externale zu ersetzen. Gleichzeitig übernahmen die Ngulu und Zigua die schlagkräftigeren Waffen der Dorobo, die heute noch bei den Initiationsriten der Mädchen eine symbolische Rolle spielen. Die Unterschiede in der Lebensweise (Bodenbau gegenüber Jagen und Sammeln) dürften aber verhindert haben, daß eine Bevölkerungsgruppe, die andere besiegen konnte. Daraus dürfte sich letztendlich eine gegenseitige Anerkennung und Akzeptanz ergeben haben, wie die Oraltraditionen vermuten lassen. In diesem Beispiel konnte die Migration, aber auch die Sprachunterschiede nachgewiesen werden; jedoch bleibt die Art der Kriegführung eine Vermutung, die in Verbindung mit der Theorie von Divale steht.

(d) Das ursprüngliche Siedlungsgebiet der Bemba-Bevölkerung liegt nach ihren Oraltraditionen im Belgisch-Kongo. Sie seien die Nachkommen der ,,großen`` Luba-Menschen, die den Kasai-Distrikt bewohnten. Über Ihre Migrationsbewegung wird in zahlreichen Legenden berichtet. Danach begann die Migration im 18. Jahrhundert, die nach der Überquerung des Lualaba Flusses in südlicher und östlicher Richtung fortgesetzt wurde. Es heißt aber auch, daß sie in der Region um Kasama (das heutige administrative Zentrum des Bemba-Landes) ihr Hauptquartier errichteten. Diese Region sei unbewohnt gewesen und ihre kriegerischen Auseinandersetzungen begannen erst nach einem Bevölkerungsanstieg, als Folge der Expansion in bereits bewohnte Gebiete. Die expandierende Bemba-Bevölkerung verdrängte die Lungu-Bevölkerung nach Westen und Süden, die Chewa-Bevölkerung nach Osten. Während dieser Expansionsphase wurde die innere Bemba-Gemeinschaft gestärkt, die Aggressionen richteten sich nach außen. Grundsätzlich ist die Dorfsegmentierung mit neolokaler Residenz verbunden, aber die fortgesetzte Kriegführung dürfte dazu geführt haben, daß die nachfolgenden Generationen zur bevorzugten Uxorilokalität übergegangen sind. Die Konflikte mit den verdrängten Bevölkerungsgruppen stärkten den Wohnort der Frauen und die Kriegszüge wurden ausschließlich gegen die vorher ansässige Bevölkerung gerichtet. Durch die bevorzugte Uxorilokalität waren die einzelnen Bemba-Dörfer stärker untereinander verbunden; Angriffe von außen konnten besser abgewehrt werden; Kriegszüge mußten in größeren Entfernungen geführt werden, um weitere Dorfsegmentierungen zu ermöglichen. Die Bemba-Bevölkerung sei - nach Audrey Richards - stolz auf ihre kriegerische Vergangenheit. Während der Forschungsaufenthalte von Richards in den 1930er Jahren folgte die Bemba-Bevölkerung weiterhin bevorzugter uxorilokaler Residenz, obwohl die Wahl des postmaritalen Wohnortes eine individuelle Entscheidung geworden sei und meist erst nach der Geburt des ersten Kindes getroffen werde. Die matrilinearen Klans werden nach Tieren, Pflanzen und Naturerscheinungen benannt, der Krokodil-Klan besitzt den höchsten Status. Die durch Geburt bestimmte Zugehörigkeit zu den einzelnen Klans legt den Rang in der Gesellschaft fest, unter den Mitgliedern eines Klans wird nach Alter und Geschlecht der Status unterschieden. Frauen erreichen erst im Alter als Mutter, Großmutter mit großer Erfahrung und traditionellem Wissen, einen hohen Status. Dabei spielen die persönlichen Beziehungen untereinander eine entscheidende Rolle, die durch zeremonielles Verhalten ausgedrückt werden. Die Initiationsriten der Mädchen im Pubertätsalter sollen die Statusänderung unterstreichen, gleichzeitig auch die Initiandin vorbereiten, wie sie sich gegenüber den Frauen der Matrilineage zu verhalten habe. Wie bereits vorher beschrieben, wird innere Harmonie in uxorilokalen und matrilinearen Gesellschaften geschätzt, hingegen Streit, Unfreundlichkeit, öffentliche Auseinandersetzungen abgelehnt, meist auch gesellschaftlich sanktioniert. Besondere Initiationsriten sollen die Konfliktbereitschaft zwischen den Geschlechtern und zwischen gleichgeschlechtlichen Mitgliedern vermeiden helfen.

Abschließend kann über die Gesellschaften des matrilinearen Gürtels gesagt werden, daß Migration und externale Kriegführung mit einiger Sicherheit zur Übernahme und Beibehaltung von uxorilokalen Residenz- und matrilinearen Deszendenzregeln geführt haben. Die Hypothese, daß die Sprachdifferenz die Migrationsthese stütze, läßt sich hier aber nicht immer bestätigen. Es wird vermutet, daß nicht die ursprüngliche Massenmigration der bantu-sprachigen Bevölkerung, sondern erst die nachfolgende Expansionsbewegung - wie am Beispiel der Bemba-Bevölkerung dargestellt -, zur Übernahme von bevorzugter Uxorilokalität und matrilinearer Deszendenz geführt hat. Die der Migration nachfolgende Expansion müßte als weiterer möglicher Faktor in das Schema von Divale eingefügt werden. Der Übergang zur externalen Kriegführung kann als eine besonders erfolgreiche Strategie angesehen werden, um eine besiedelte Region zu erobern und damit das Siedlungsgebiet zu erweitern. Dies schafft wiederum die Möglichkeit, durch Dorfsegmentierungen Konflikte innerhalb der Gesamtgesellschaft zu vermeiden. Die innergesellschaftliche Harmonie wird zusätzlich durch die bevorzugte Uxorilokalität gestärkt, da die fraternalen Interessengruppen unterbrochen werden.

(3) Als abschließendes Beispiel einer uxorilokalen und matrilinearen Gesellschaft wurde die Minangkabau-Bevölkerung von Sumatra gewählt - vor allem deswegen, weil im Kernland der Minangkabau (Hochland der Provinz Westsumatra) bis heute die matrilinearen Traditionen weiterbestehen, obwohl der Islam eine wichtige Rolle spielt. Der historische Überblick sollte veranschaulichen, welche äußeren Einflüsse zur Bildung einer Minangkabau-Identität geführt haben. Es wurde gezeigt, daß die Chiefdombildung auf Sumatra, Java und der malaysischen Halbinsel häufig im Zusammenhang standen mit den Handelsbeziehungen nach Indien und China. Einzelne Chiefdoms konnten durch ihre Handelsbeziehungen ihren Einfluß über weite Gebiete ausdehnen, dazu zählen: Majapahit auf Java, sowie Srivijaya und Malayu auf Sumatra, später Malakka auf der malaysischen Halbinsel und Aceh in Nordsumatra. Die Ausdehnung der Einflußbereiche führte immer wieder zu Konflikten. Von den Raubzügen waren vor allem die Zentren an der Küste betroffen, die häufig zerstört wurden. In Westsumatra erscheint der Name Adityavarman zwischen 1347 und 1379 in zahlreichen Steininschriften. Es wird angenommen, daß er mit der aristokratischen Lineage des Chiefdoms Dharmasraya auf Sumatra verbunden war, zumindest teilweise eine javanische Abstammung hatte und in Majapahit auf Java aufwuchs. Vermutlich ist sein Aufenthalt in Java auf die erfolgreiche Expansionspolitik von Majapahit im 14. Jahrhundert zurückzuführen. Adityavarman soll mit seiner Gefolgschaft in den 1340er Jahren auf Sumatra die Kontrolle über die goldexportierende Dharmasraya-Region des oberen Batang Hari Flußes übernommen haben, die seit den 1270er Jahren gegenüber Majapahit tributpflichtig war. Nach den überlieferten Inschriften konnte Adityavarman 1347 seine Abhängigkeit von Majapahit abschütteln und ein eigenes ,,Chiefdom`` im zentralen Tanah Datar Gebiet gründen.6.13 Zahlreiche Steininschriften belegen, daß er die Titeln Maharajadiraja und Kanakamedinindra (`sovereign of the gold-bearing ground') übernommen hatte. Vermutlich waren die verwandtschaftlichen Beziehungen zur aristokratischen Lineage des Chiefdoms Dharmasraya die Grundlage für seine Erfolge, die durch militärische Unterstützung erzielt werden konnten.

Die Geschichte der Bevölkerung im Hochland der heutigen Provinz Westsumatra konnte trotz zahlreicher schriftlicher Hinweise, Ursprungsmythen und Oraltraditionen nur lückenhaft rekonstruiert werden. Grundsätzlich kann aber angenommen werden, daß die Wahl des Siedlungsgebietes einige Vorteile für die Bevölkerung mit sich brachte: fruchtbare Vulkanböden, genügend Wasser für die künstliche Bewässerung der Reisfelder, kein Malaria-Gebiet, geschützte Lage, Goldvorkommen, Außenkontakte über Flußläufe vom Hochland zur Ostküste zu den Häfen der Straße von Malakka. Problematisch bei der Rekonstruktion der Geschichte der Minangkabau-Bevölkerung war vor allem, daß es kaum Hinweise zur Kriegführung gab. Sollte Adityavarman als erster Chief die Grundlage für die Minangkabau-Identität geschaffen haben, dann würde dies bedeuten, daß die aristokratischen Lineages über 450 Jahre bestanden und erst mit den Padri-Kriegen ihren Einfluß verloren hätten. Zumindest im 16. Jahrhundert dürfte der Islam an Bedeutung bei den Mitgliedern der aristokratischen Lineages und deren Anhänger gewonnen haben. Dies wird darauf zurückgeführt, daß die politischen Funktionen auf drei Mitglieder verteilt wurden: (1) Daulat Yang Dipertuan, mit höchtstem Staus, (2) Raja Adat, (3) Raja Ibadat und die großen Männer der vier Ratsversammlungshallen (Basa nan Empat Balai).

Dorfsegmentierung und Expansion waren über Jahrhunderte auch bei den Minangkabau mit dem Anstieg der Bevölkerung verbunden. Der Handel förderte zusätzlich eine permanente Migrationsbewegungen zwischen dem Kernland und den Küstenregionen. In diesem Zusammenhang müssen Konflikte zwischen den benachbarten Bevölkerungsgruppen aufgetreten sein. Warum diese in den Oraltraditionen nicht genannt werden, kann nur vermutet werden. Die Bedingungen einer Migration in Verbindung mit Sprachunterschieden konnte gegenüber der Batak-Bevölkerung nachgewiesen werden. Jedoch gibt es keine direkten Hinweise der Konfliktaustragung zwischen der Minangkabau-Bevölkerung und den benachbarten Batak-Bevölkerungsgruppen. Hingegen wird über die Toba-Batak berichtet, daß ihre Dörfer mit Steinwällen befestigt waren, sie aggressives Verhalten gegenüber Feinden zeigten und Angriffe von Aceh abwehren konnten.

Die Darstellungen der Vergangenheit der Minangkabau war in der Literatur teilweise sehr widersprüchlich, deshalb konnten nur vage Aussagen über eine mögliche Migration gemacht werden. Nach den bisher vorliegenden Daten zur Ethnohistorie der Minangkabau ist jedoch mit einiger Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß die Besiedlung des Kernlandes der heutigen Minangkabau das Resultat einer Migrationsbewegung gewesen sein dürfte, die sich aus dem Zusammenbruch der Chiefdomstruktur zwischen Majapahit (Java), Srivijaya (Südostküste Sumatras) und Malayu (nördlich von Srivijaya) ergeben hat. Diese Turbulenzen haben mit ziemlicher Sicherheit die Kriegführung intensiviert, wenn nicht gar völlig anarchische Zustände hervorgerufen. Ob Adityavarman als einer der Abkömmlinge dieser Chiefdoms eine Führungsrolle gespielt hat - wie das die überlieferten Mythen bzw. Steininschriften ,,belegen``, wollen wir offen lassen (und ist für unseren Zusammenhang auch keine entscheidende Frage). Wesentlich ist, daß das Kernland der Minangkabau wie ein typisches Rückzugsgebiet erscheint und die Bevölkerung nach dem Zusammenbruch der Chiefdoms zur üblichen egalitären oder akephalen Struktur segmentärer Gesellschaften zurückgekehrt ist.

Sollte dies den realhistorischen Prozeß im großen und ganzen zutreffend erfassen, dann wäre es weiters plausibel anzunehmen, daß die ,,Eindringlinge`` eine bereits ansässige Bevölkerung verdrängt und/oder integriert hat. Aus dieser kriegerischen Zeit und in den Verdrängungs- und Abwehrkämpfen könnte die Minangkabau-Identität entstanden sein. Es wäre denkbar, daß erst in dieser Phase ,,Krieger-Camps`` zur Sicherung der Dörfer, später zur Sicherung der Handelsrouten zu den Küsten entstanden und damit der Übergang zur bevorzugten Uxorilokalität stattgefunden hat. Während die Toba-Batak Wehrdörfer gebaut haben, errichteten die Minangkabau das matrilinear erweiterte adat-Haus - beide stehen in einem ähnlichen Zusammenhang der Selbstverteidigung. Wir haben oben gesehen, daß das adat-Haus eine ganz erstaunliche Ähnlichkeit mit dem Langhaus der irokesischen Stämme aufweist. Folglich könnten beide aus einer ähnlichen politischen und sozialen Situation heraus entstanden sein, d.h. es hat nicht viele Möglichkeiten der Problemlösung gegeben. Die Hauptprobleme waren mit größter Wahrscheinlichkeit: Schutz der Bevölkerung unter der Bedingung, daß sich der Großteil der wehrfähigen Männer weit entfernt auf Kriegszügen oder Handelsexpeditionen befindet, feindliche Überfälle nicht ausgeschlossen werden können und eine weitere großräumige Migration/Expansion nicht möglich war. Unter diesen Bedingungen stellte die Siedlungskonzentration in den Dörfern mit Langhäusern (Langhaus der irokesischen Stämme bzw. dem matrilinear erweiterten adat-Haus der Minangkabau) eine relativ günstige Lösung dar. Es wäre jedoch auch denkbar, daß diese sozialstrukturelle Umstellung bzw. Siedlungsweise überhaupt erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts während der Padri-Kriege stattgefunden hat. Solange die archäologische Forschung hier nichts genaueres ergibt, muß das Datierungsproblem offengelassen werden. Aber auch für diesen Fall wären die Bedingungen ganz ähnliche gewesen und die Konstruktion von Langhaus-Dörfern hätte ebenso einen Sinn ergeben.

Wir haben oben das adat-Haus als Kernstruktur der matrilinearen Gesellschaft der Minangkabau herausgearbeitet. Fast alle ,,Rechte der Frauen`` lassen sich aus dieser Struktur ableiten - ganz ähnlich wie bei den irokesischen Stämmen. Dennoch käme ein näherer Vergleich mit den benachbarten patrilinearen Batak-Bevölkerungsgruppen zu dem Ergebnis, daß die Unterschiede weniger gravierend sind als die Gemeinsamkeiten - jedenfalls was ihre sozialstrukturellen Traditionen im allgemeinen betrifft. Der entscheidende Unterschied dürfte in der Institution des adat-Hauses bei den Minangkabau bestehen - mit allen oben beschrieben Konsequenzen, während die einzelnen Batak-Bevölkerungen doch eher eine Gehöft-Siedlungsstruktur angelegt haben.

An dieser Stelle würde ich als Kritik formulieren, daß die neuere Literatur (dies gilt insbesondere für Sumatra) sich zu sehr auf einzelne Ethnien (teilweise auf einzelne Dörfer) beschränkt und kaum Vergleiche anstellt; dies könnte auch als Anregung für die weitere Forschung verstanden werden. Ähnliches gilt für die Forschung zu einigen Aspekten der Minangkabau-Gesellschaft selbst, etwa zur Frage von Initiationsriten, Masken- und Geheimbundtraditionen - sofern sie überhaupt jemals existiert haben - sowie zu den Konfliktregulierungsstrategien sowohl zwischen den Frauen, als auch zwischen den Geschlechtern. Wie die afrikanischen Beispiele gezeigt haben, liegen hier wesentliche Aspekte matrilinearer Gesellschaften. Die Forschung ergibt jedoch zu den Initiationsriten bei den Minangkabau sogut wie gar nichts. Es ist aber ganz unwahrscheinlich, daß die Übernahme des Islam alle diese Traditionen völlig verdeckt haben soll; die Beispiele aus Afrika lassen jedenfalls nicht darauf schließen. Ebenso ist unklar, wie bei den Minangkabau Konflikte zwischen den Frauen reguliert werden - für matrilineare Gesellschaften ein wesentlicher Aspekte, der noch kaum erforscht worden zu sein scheint. Schließlich fällt bei den Minangkabau das Fehlen der Masken- und Geheimbundtraditionen auf, welche bei anderen matrilinearen Gesellschaften eine zentrale Rolle spielen. In der künftigen Forschung wäre daher größeres Gewicht auf diesen Aspekt zu legen und die für die Minangkabau-Forschung typische Akzentuierung auf die Handelsbeziehungen einmal zurückzustellen. Mit diesen Forschungsfragen schließen wir diese Untersuchung ab.

[]Literaturverzeichnis


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Isabella Andrej
1999-03-04