next up previous contents
Next: 6.4.4 Matrilinearität und Uxorilokalität Up: 6.4 Die Basis des Previous: 6.4.2.3 Dörfer an der

6.4.3 Residenzmuster und das traditionelle Adat-Haus

In einem Zitat verweist Lenz auf die besondere Situation der Minangkabau-Frauen, die durch Epen und Oraltraditionen überliefert wird. ,,Sie zeichnen sich durch Stärke, Zuwendung und Spiritualität aus:``


11kombinierte Bild der Frau als Mutter zeigt Weisheit, Stärke Fürsorge, Kultiviertheit, Verläßlichkeit und Stabilität. Im Zusammenhang einer solchen symbolischen Repräsentation von Frauen werden ihre aktiven, produktiven, repräsentativen Rollen begreiflich; es wird deutlich, daß sie strukturell und räumlich im Mittelpunkt stehen; die Rolle der Frauen in der Einleitung und Durchführung von Entscheidungen wird klar.6.114

Die matrilineare Deszendenz bestimmt innerhalb des Dorfes den Zugang zum Land der Ahnen, den Wohnort, die politischen Rechte und die Erbfolge. Alle unverheirateten Kinder wohnen im Haus der Mutter, mit der Ausnahme der älteren Söhne, die ca. ab dem 11. Lebensjahr nur noch sporadisch zu Hause schlafen sollten. In der Vergangenheit arbeitete der Ehemann tagsüber vor allem für seine eigene Abstammungsgruppe; es wurde von einer ,,Besuchsehe`` gesprochen. Heute geht der Trend zur Kernfamilie, aber es wird die Nähe der Frauen einer Abstammungsgruppe geschätzt, d.h. Frauen leben in Einfamilienhäusern dicht nebeneinander auf ihrem ,,Familienland``. Franz und Keebet Benda-Beckmann behaupten, daß es trotz des Bevölkerungsanstiegs heute keine Familie ohne ein Stück eigenes Land gäbe; wenn es zu wenig für die Landwirtschaft sei, werde etwas dazu gepachtet oder ein zusätzliches Einkommen gesucht.6.115

Die kleinste soziale und wirtschaftliche Einheit innerhalb des Dorfes bildet die samandai, die Mutter und ihre Kinder. Drei weitere Einheiten werden innerhalb der matrilinearen Gruppierungen unterschieden, welche eine entscheidende Bedeutung für das Verständnis der Sozialorganisation haben. Dies sind in aufsteigender Reihenfolge: (sa-)paruik (,,Frucht einer Gebärmutter``) - eine matrilineare Verwandtschaftsgruppe, die in einem Haus zusammenwohnt, (sa-)payung - eine Gruppe von miteinander verbundenen Häusern unter einem Lineage-Oberhaupt (penghulu), (sa-)suku - eine Gruppe von verbundenen Lineages, die sich auf eine gemeinsame (,,fiktive``) genealogische Gruppe mit einer gemeinsamen Ahnin berufen. In einem rumah adat (Adat-Haus), oder rumah gadang (großes Haus) leben meist drei Generationen zusammen.6.116

Die Minangkabau bevorzugen uxorilokale Residenz, die auch als duolokale Residenz bezeichnet wird. Die Ehemänner der weiblichen Hausmitglieder schlafen in der Nacht im Adat-Haus der Ehefrau, werden aber nicht als Mitglieder dieses Hauses angesehen. Nach der Heirat bleibt der Ehemann weiterhin ständiges Mitglied des Hauses seiner Mutter, wo er sich während des Tages vorwiegend aufhält. Die Autorität innerhalb einer Lineage oder Sublineage liegt in der Hand eines Mamak (MuBr) und nicht beim Vater. Solange das wirtschaftliche Leben auf dem Ahnenbesitz basiert, besteht die wichtigste Beziehung zwischen dem Mamak (MuBr) und den Kemanakan (sororalen Nichten und Neffen). Der angeheiratete Ehemann spielt zwar eine Nebenrolle als Vater, aber hatte eine wichtige Position gegenüber seinen sororalen Nichten und Neffen. Der Ehemann hatte bisher zwei Bezugsorte, sowohl im Haus seiner Mutter, als auch während der Nacht bei seiner Ehefrau. Um den Wechsel zwischen diesen Orten zu erleichtern, war Dorfendogamie üblich. Wie in allen matrilinearen Gesellschaften ist die Position des Ehemannes problematisch: er wird als Genitor gebraucht für die Kontinuität der Matrilineage seiner Frau, konkurriert aber gleichzeitig mit der Autorität über seine Frau und seine Kinder mit den männlichen Mitgliedern ihrer Lineage.6.117

Die Grundlage des traditionellen Lebens der Minangkabau war - und ist teilweise noch immer - um das Adat-Haus konzentriert. Die Anzahl der Personen, die gemeinsam unter einem Dach lebt, variiert sehr stark: Im 19. Jahrhundert berichtet ein holländischer Beamter von 60 Personen, es können aber manchmal sogar 80, oder bis zu 100 sein. Kato bezieht sich auf eine Beschreibung eines Hauses um 1910: Länge von 16 m (das seiner Meinung nach etwas kurz sei, denn es würde bedeuten, daß jeder Schlafraum nur 2 m lang wäre), 8 m Breite und 2,5 m über der Erde. Das Haus besaß sieben Schlafräume (bilik), für sieben verheiratete weibliche Mitglieder der Abstammungsgruppe, insgesamt gehörten 40 Personen zu diesem Haus. Der Vorstand des Hauses ist der tungganai oder mamak rumah, generell das älteste männliche Mitglied des Hauses (meist der älteste Bruder der Großmutter). Er ist verantwortlich für die Verhaltensregeln, das Wohlergehen und die Harmonie innerhalb seiner saparuik und vertritt die Hausgemeinschaft nach außen. Wenn sich die Anzahl der Mitglieder desselben Hauses verdoppelt, dann wird ein neues getrenntes Haus errichtet und ein Teil übersiedelt (paruik Segmentierung, genannt sapayung).6.118

Die Architektur des traditionellen Hauses entspricht einer rechteckigen Holzkonstruktion mit einem geschwungenen Dach, das nach einer Legende einem Büffelhorn entsprechen soll. Das Dach wird durch zahlreiche Holzpfosten getragen, die bis zu 100 Jahre stehen können. Die äußere Ostseite oder Frontseite des Hauses schmücken zahlreiche farbige Holzschnitzereien.6.119 Das Haus wird in zwei Teile geteilt: (1) der Vorderteil besteht aus einem offenen Gemeinschaftsraum zum Essen, Schlafen der Kinder, gelegentlich für Gäste. (2) Die zweite Hälfte besteht aus kleinen Räumen, die Schlafräume verheirateter oder heiratsfähiger Frauen. Diese Räume werden bilik genannt, sind meist ca. 3 m breit und 4 m lang, die Größe ist abhängig vom Status und der Anzahl der matrilinear verbundenen Personen, die im Haus zusammen wohnen. Deshalb variiert die Anzahl der Bilik von Haus zu Haus. Das größte Adat-Haus steht heute noch in Westsumatra, mit einer Länge von 120 m, einer Breite von 15 m und mit 20 Bilik. Mehrheitlich haben aber die Adat-Häuser durchschnittlich 7 Bilik, beginnend von 3 Bilik aufwärts.6.120

Der mamak (MuBr) ist verantwortlich für die Bereitstellung der einzelnen Schlafräume; ist kein Raum vorhanden, muß er entweder das Haus durch den Anbau vergrößern, oder ein neues Haus bauen. Nach Josselin de Joung gelten als bevorzugte Ehepartner die matrilinearen Kreuzkousins, d.h. ein Mann heiratet die Tochter seines mamak; in Ausnahmefällen sei auch eine patrilineare Kreuzkousins-Heirat möglich, dabei heiratet der Mann die Tochter der Schwester des Vaters. Kahn erhielt im Dorf Sungai Puar folgende Informationen: von 838 Ehen bestanden 53 zwischen Kreuzkousins, 43 Männer heirateten ihre matrilinearen Kreuzkousinen und 10 Männer ihre patrilinearen Kreuzkousinen.6.121

Theoretisch bildet ein neues Adat-Haus eine Segmentierung der matrilinear erweiterten Familie. Der Bau eines Adat-Hauses ist aber keine individuelle Entscheidung der betroffenen Gruppe, sondern es muß eine Kooperationsgruppe zusammenarbeiten, die über die eigene matrilineare Sublineage hinausgeht. Es müssen Bäume für die zentralen Stützen des Hauses gefällt und transportiert werden. Noch heute wird der Bau öffentlich angekündigt: eine Frau im traditionellem Brautkostüm führt eine Eskorte, die von Musikinstrumenten begleitet wird, an. Das Adat-Haus war bisher (teilweise noch heute) die wirtschaftliche Einheit und das Zentrum des täglichen Lebens. Alle Mitglieder des Hauses erhielten Nutzungsrechte (ganggam bauntuak) am vererbten Land und hatten Freude an den Erträgen, die sie dadurch erhielten.6.122

Das Adat-Haus mit dem charakteristisch gehörnten Dach symbolisiert das matrilineare System. In den Dörfern steht das Adat-Haus für Prestige, Wohlstand und Fortsetzung der matrilinearen Linie und beherbergt eine erweiterte Familie. Kato besuchte während seines Feldforschungsaufenthalts 395 Häuser, davon entsprachen nur mehr 13 % dem traditionellen Adat-Haus und wenige werden heute noch neu gebaut. In nur 5 % der Fälle entstand in den letzten 30 Jahren ein neues Adat-Haus.6.123

Die sozialen Veränderungen haben wenig an der Situation der Frauen geändert, d.h. der Wandel von der erweiterten Familie zur Kernfamilie hatte keine Auswirkungen: solange die Frauen am Familienland wohnen, können sie ihre unabhängige Stellung zum Ehemann bewahren. Das gesamte Land eines Dorfes stellt ausschließlich matrilinear vererbtes Familienland dar, deshalb können Männer keine neolokale Residenz gründen. Denn Männer können auch auf dem Land ihrer matrilinearen Abstammungsgruppe kein eigenes Haus errichten. Gleichzeitig sind aber Scheidungen häufig. Über 50 % der Ehen werden geschieden, damit haben die Minangkabau heute die höchste Scheidungsrate innerhalb Indonesiens. Deshalb sind die Männer weiterhin auf ihre matrilineare Abstammungsgruppe, wie auch auf die ihres Vaters, angewiesen. Die problematische Situation der Männer ist ihnen sehr stark bewußt und Frauen leben danach. Denn Frauen müssen nicht zwischen zwei Abstammungsgruppen wählen, für sie gibt es nur ihre eigene; sie bedrängen ihre Ehemänner und Brüder, möglichst viel zum Haushaltseinkommen beizutragen. Franz und Keebet Benda-Beckmann beziehen sich auf ein altes Sprichwort, das bis heute Geltung hat:


11ist wie Asche auf dem Baumstrumpf,
bläst man dagegen,
fliegt sie weg.6.124

Frauen können gegenüber ihren Männern niemals Macht/Herrschaft ausüben, sondern besitzen - aufgrund der Nähe zur matrilinearen Abstammungsgruppe - eine relativ starke Position gegenüber ihren Ehemännern, die aber gleichzeitig von anderen, vor allem älteren Frauen ihrer eigenen Abstammungsgruppe abhängig ist. Erst im Alter und als Mütter erwachsener Kinder erlangen sie innerhalb ihrer matrilinearen Abstammungsgruppe eine starke Position mit Entscheidungsbefugnissen.6.125

Im Laufe der Geschichte hat sich das Verhältnis zwischen Islam und Adat erheblich verändert, z.B. beim Erbrecht des selbsterworbenen Vermögens des Mannes, das er heute an seine Kinder vererbt. Männer können Vermögen und Ehrentitel erlangen, aber niemals Familienland besitzen oder vererben. Ein Geistlicher der Moschee, der islamische Lehrer oder der Dozent der Universität lehren tagsüber islamisches Recht, kehren aber abends ins Haus ihrer Ehefrauen zurück und nehmen dort eine ebenso unsichere Stellung ein, wie alle anderen Ehemänner. Die Eheschließungen werden sowohl nach islamischem Ritual als auch nach Adat-Regeln vollzogen. Bei der Scheidung wird das islamische Recht des Mannes, durch dreifaches ausrufen von thalak (verstoßen der Frau), vollzogen. Frauen können aber ebenso die Scheidung einreichen. Bei der Eheschließung wird meist der thalak taklid (bedingte Scheidung) vereinbart, wo der Ehemann erklärt, daß unter bestimmten Umständen, sein thalak als ausgesprochen gilt. Als Gründe dieser Scheidungsvariante werden häufig die Verwandten der Frau genannt, wenn der Ehemann nicht mehr bereit ist, zum Lebensunterhalt beizutragen. Die familien- und vermögensrechtlichen Folgen einer Scheidung werden ausschließlich nach Adat-Recht gelöst. In Indonesien ist seit 1974 das Ehe- und Scheidungsrecht weitgehend kodifiziert, d.h. Vereinheitlichung der zahlreichen Gewohnheitsrechte, aber unter Ausschluß des Güterrechts. Als eine der wichtigsten Neuerungen gilt, daß die Scheidung nicht mehr einseitig ausgesprochen werden kann, sondern durch einen Richter geprüft und gutgeheißen werden muß. Will ein Mann eine zweite Ehe eingehen, muß eine schriftliche Zustimmung der ersten Frau erfolgen, die dem Gericht übergeben wird.6.126


next up previous contents
Next: 6.4.4 Matrilinearität und Uxorilokalität Up: 6.4 Die Basis des Previous: 6.4.2.3 Dörfer an der
Isabella Andrej
1999-03-04