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6.4.2.3 Dörfer an der Westküste

Hier treten die gravierendsten Unterschiede auf. Durch die Kontakte mit der Außenwelt fand ein Güter- und Ideenaustausch statt. Diese Ideen gelangten über die Küstendörfer ins Kernland der Minangkabau. In der Periode zwischen den 1820er und 1930er Jahren waren aber nur zwei Handelsdörfer von Bedeutung: Padang und Pariaman. Davon hatte Padang über 150 Jahre kontinuierliche Kontakte mit europäischen Händlern und Pariaman seit langem Kontakte mit den Händler von Aceh. Die übrigen Küstendörfer - teilweise waren sie aus Sicherheitsgründen etwas von der Küste ins Hinterland verlagert - waren kleine Orte mit wenigen Einwohnern. Dazu zählte auch das Dorf Ulakan, berühmt in der Minangkabau-Geschichte, da der Islam von hier aus in die Minangkabau-Welt eingedrungen sein soll. Die Region war aber insgesamt kaum besiedelt, da die sumpfigen Ebenen durch schlechte klimatische Bedingungen (Nord-Westmonsun zwischen November bis Mai) besonders ungünstige Lebensbedingungen für die Bevölkerung darstellten. Es galt als Malaria-Gebiet, der Anbau von Reis war nur beschränkt möglich. Die meisten Dörfer bestanden aus wenigen Häusern - z.B. Ulakan hatte nur 25 Häuser - aber auch große Fischerdörfer wie Bungus hatten weniger als 100 Häuser. Diese Häuser waren aus Bambus gebaut und das Dach mit alang-alang Gras gedeckt. Ein Haushalt bestand meist nur aus drei bis vier Personen - ein markanter Unterschied zum Hochland, mit dem matrilinearen Adat-Haus und den Erbregeln innerhalb des Familiensystem. Da es keine großen Reisfelder gab, die den Gemeinschaftsbesitz im Hochland symbolisieren, stellten Handel, Fischerei, Produktion von Baumwolle und Salz die wichtigsten Einnahmequellen dar. Trockenfisch, Salz und Baumwolle waren die wichtigsten Produkte, die ins Kernland gebracht und gegen Reis getauscht wurden. Die Fischerei war hoch organisiert.6.111

Das matrilineare System des Hochlandes hatte in den Küstendörfern wenig Bedeutung. Die Bevölkerung der Küstendörfer war ein Gemisch von Immigraten aus dem Hochland und Nicht-Minangkabau, wie z.B. von Aceh und anderen fremden Händlern. Zwischen dem 16. und 17. Jahrhundert erreichte die Pefferproduktion in den Küstengebieten ihren Höhepunkt; es entwickelte sich in dieser Phase ein hierarchisches System von landbesitzenden ,,lords`` oder Rajas und armen Bauern. In der Region bestand ein Trend zur patrilinearen Abstammung und zur hierarchisch-strukturierten Gesellschaftsform. In Padang entstand ein System, mit zwei über den Penghulu stehenden Personen, der Tuanku Panglima und der Tuanku Bendahara.6.112

Nach Graves bevorzugten die Raja-Familien (beide, in Pagarruyung und im rantau-Gebiet) eine patrilineare Abstammung - was ja kaum etwas besonderes ist, denn in allen matrilinearen Gesellschaften bilden die aristokratischen Familien eine Ausnahme, und folgen patrilinearer Deszendenz und patrilokaler Residenz - warum dies Graves hervorhebt, bleibt deshalb unverständlich. Der Raja von Pagarruyung wird als über dem Adat-System stehend bezeichnet und die administrativen Mitglieder waren ebenfalls Repräsentanten der Koto-Piliang Adat-Rechtstradition. Der Raja selbst wurde als tituliertes Oberhaupt des Systems angesehen. Der Repräsentant der zweiten Adat-Rechtstradition (Bodi-Caniago) hat seinen Sitz in der Nähe von Pagarruyung und wird als Datuk Bandaro von Lima Kaum bezeichnet, ein kleines Dorf außerhalb von Batu Sangkar. Er war kein Mitglied des ,,royal court``.6.113


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Isabella Andrej
1999-03-04