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1.2 Universalität der menschlichen Familie

Friedrich Engels war überzeugt, daß es keinen direkten Beweis für einen Nachweis der Promiskuität und Gruppenehen gebe, um darüber Aussagen zu machen wie die ursprüngliche Familienorganisation in der Urzeit ausgesehen haben könnte. Ein Bezug auf den Vogel sei sinnlos, da der Mensch nicht vom Vogel abstamme und bei Säugetieren sind alle Formen des Geschlechtslebens vertreten: Regellosigkeit, Anklänge der Gruppenehe, Vielweiberei, Einzelehe, aber es fehle die ,,Vielmännerei`` und die hätte - wie Engels hervorhebt - nur der Mensch fertigbringen können. Engels bezog sich im Zusammenhang mit den ,,menschenähnlichen Affen`` auf Letoureau, der über deren Sozialorganisation schreibt, daß sie bald monogam und bald polygam seien. Es seien von Tiergesellschaften aber nur negative Rückschlüsse auf die menschliche Gesellschaftsorganisation möglich, denn die sich von der ,,Tierheit`` emporarbeitenden Menschen hätten nach Engels entweder gar keine Familie oder höchstens eine, die bei den Tieren nicht vorkommt, gehabt.1.71

Erstaunlich war dabei die Annahme, daß bei den Primaten alle Formen der Sozialorganisation nebeneinander bestehen könnten, im Gegensatz zur Humanevolution, wo diese Vorstellung völlig ausgeschlossen wurde. Engels meint letztendlich, daß bis auf weiteres keine endgültigen Schlußfolgerungen aus den bisherigen Primatenforschungen zulässig seien. Die Entstehung der menschlichen Familie könne nur dadurch erklärt werden, daß es in der frühen Vorzeit keine effektiven Verteidigungsmöglichkeiten gab und deshalb hätten sich die einzelnen Individuen zusammengeschlossen. Diese vereinte Kraft und das Zusammenwirken der ,,Horde`` seien die wesentlichen Elemente für den ,,Fortschritt`` gewesen, der zur humanen Gesellschaft geführt hätte. Nur durch diese Bedingungen konnte sich die ,,Menschwerdung des Tieres`` allein vollziehen. Daran anschließend bildete sich die Blutverwandtschaftsfamilie, welche aber schon ausgestorben sei, aber nach dem hawaiischen System bestanden haben muß. Mit der Weiterentwicklung dieser Form der Familie wurden zuerst die leiblichen (d.h. die der mütterlichen Seite) Geschwister vom Geschlechtsverkehr ausgeschlossen und danach folgte das Verbot einer Ehe mit Kollateralgeschwistern. Warum diese Inzestverbote eingeführt wurden, sei nach Friedrich Engels darauf zurückzuführen, daß diejenigen Stämme, die sie übten, sich rascher und ,,voller`` entwickelt hätten. Diese Eheform wurde als Punaluafamilie bezeichnet und sei diejenige, die bei den irokesischen Stämmen vorgefunden wurde und direkt aus dieser Familienorganisation hätte sich die Institution der Gens entwickelt.1.72

Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, um von einer Familie sprechen zu können? Die unterschiedlichsten Definitionen von Familie kamen dabei zustande. Kathleen Gough definiert Familie als:


11...a married couple or other group of adult kinfolk who cooperate economically and in the upbringing of children and all or most of whom share a common dwelling.1.73

Die Familie schließt nach Gough alle Formen verwandtschaftlich basierter Haushalte ein. Die Definition der Familie ist bei ihr am weitesten gefaßt, aber sie unterscheidet nicht zwischen Kernfamilie und Verwandtschaft. George Peter Murdock1.74 hat in seinem Werk ,,Social Structure`` (1949) die Familie wesentlich exakter definiert. Gerade für Ethnologen ist das Vorhandensein der Kernfamilie eine Voraussetzung, um Verwandtschaftssysteme, Abstammungsgruppen überhaupt darstellen zu können. Deshalb wird auch in der vorliegenden Arbeit soweit wie möglich versucht, auf die Trennung zwischen Kernfamilie (bei Familie ist immer die Kernfamilie gemeint) und Verwandtschaft hinzuweisen.

Nach Gough ist die Familie eine gesellschaftliche Institution, die sonst nirgends vor der Menschwerdung gefunden wurde! Gemeinsam mit dem Werkzeuggebrauch und der Sprache war die Familie ohne Zweifel die wichtigste Veränderung in der menschlichen Evolution. Sie bestimmte die Separation des Menschen von den Primaten. Der Mensch lernte seine sexuellen Wünsche, die individuelle Selbstsucht, auch seine Aggression und Konkurrenz zu kontrollieren. Die andere Seite der Selbstkontrolle führte zum Entstehen von ,,Liebe``, nicht nur zwischen Mutter und Kind, sondern auch zwischen Mann und Frau. Die Zivilisation wäre unmöglich ohne Selbstkontrolle entstanden und sichtbare Zeichen sind z.B. Inzest-Tabus   und Moralvorschriften innerhalb des Familienverbandes.1.75

Marianne Weber1.76 (1907) schreibt, allen Gesellschaftsformen des Menschen sei gemeinsam, daß sie bestimmten, strengen, auch anderen als uns bekannten Normen unterworfen waren und sind, und daß das Sexualleben des Menschen sich wesentlich vom rein tierischen Trieb unterscheidet. Eine der Bedingungen für die menschliche Gesellschaft ist ein ,,gesittetes`` Leben mit reguliertem Geschlechtsverkehr, d.h. zum Beispiel Verbote gegenüber Blutsverwandten. Überdies erstrecke sich, so Marianne Weber, das Inzest-Tabu auf alle unter einem Dach lebenden Personen, zwischen denen aufgrund anerkannter gesellschaftlicher Normen eine Verpflichtung besteht, die Nahrung zu teilen. Die Nahrungsverteilung könne somit als ältester ,,natürlicher`` Verwandtschaftskreis angesehen werden.1.77

Marianne Weber bezieht sich auf die klassischen evolutionistischen Theorien: danach war die Furcht des (Ehe-)Mannes vor anderen Männern besonders groß, deshalb durfte eine Frau, nachdem sie sich einem Mann angeschlossen hatte bzw. in seine Gewalt getreten ist, nicht mehr ohne seine Zustimmung mit anderen Männern verkehren, er konnte sie sogar zwingen, sich anderen Männern hinzugeben, im Sinn von Verleihen und/oder Vertauschen von Frauen mit befreundeten Männer mit und ohne Entgelt. Dies wurde als Herrenrecht des Stärkeren bezeichnet und sei ein Rest einer aller Völker gemeinsamen ,,Entwicklungsstufe`` ursprünglicher, allgemeiner ,,Promiskuität`` (= wahlloser Geschlechtsverkehr aller Volks- und Hordengenossen); oder ,,Kollektivehen`` (= Geschlechtsverkehr einer bestimmt umgrenzten Gruppe von Männern mit einer bestimmt umgrenzten Gruppe von Frauen innerhalb einer Horde oder eins Stammes). - Hier besitzt die Frau die Freiheit nach ihrem Gefallen mit mehreren Männern Geschlechtsverkehr zu haben; was aber nach neuesten Forschungen nach Marianne Weber widerlegt wurde.1.78

George Peter Murdock konnte anhand der von ihm verwendeten Daten von 250 bekannten Gesellschaften die Kernfamilie als universelle Institution der menschlichen Gesellschaft nachweisen. Seine verwendete Methode beruhte auf geographischen, sozialen und kulturellen Informationen, die nach bestimmten Kriterien klassifiziert wurden. Murdock verwendete in seiner Cross Cultural Untersuchung (Human Relation Area Files, HRAF) alle vorhandenen Informationen über Familie, Verwandtschaft, verwandter und lokaler Gruppen, nach Geschlecht und Sexualverhalten. In wenigen Wochen hatte er von 85 Gesellschaften die relevanten Daten zusammengestellt und mittels mühevoller Durchsicht weiterer Publikationen konnte er seine Untersuchung auf zusätzlich 165 Gesellschaften erweitern. Mit den so erweiterten Daten über 250 Gesellschaften begann er mit den statistischen Auswertungen.

Die regionale Zusammensetzung der 250 Gesellschaften


Nativ Nordamerika 70  
Afrika 65  
Ozeanien 60  
Eurasien 34  
Südamerika 21  
insgesamt 250  

Quelle: Murdock 1949, Vorwort, in: ders. Social Structure, S.ix.

Bei neun Fällen waren die Daten unzureichend, bei weiteren neun konnten die unvollständigen Daten für seine Untersuchung ergänzt werden.

Seiner Arbeit liegen vier sozialwissenschaftliche Theorien1.79 zugrunde:
(1) Soziologie (von Murdock nicht weiter erläutert):

(2) Funktionalismus: Seit 1920 wurde der Evolutionismus des 19. Jahrhunderts generell in der Sozialwissenschaft abgelehnt. Die unilineare Evolution der menschlichen Gesellschaft und das durchlaufen von Stufen war nicht mehr haltbar! Hingegen wurde die Feldforschung zur wichtigsten Tätigkeit der professionellen Anthropologen. Bachofen, Durkheim, Frazer, Graebner, Lippert, Lubbock, Marett, McLennan, Schmidt, Summer, Tylor hatten keine Ergebnisse aus erster Hand, sondern bezogen sich entweder auf ältere Quellen oder ließen von Anderen Feldforschung durchführen. Von Malinowski und Boas wurden die Grundsteine für die neuen Methoden gelegt, aber vor allem die Arbeiten von Radcliffe-Brown über die Sozialorganisation waren für Murdock ausschlaggebend, sich auf diesem Gebiet zu spezialisieren.

(3) Behavioristische Psychologie: Die Arbeiten von Pavlow und Watson und für alle systematischen Zugänge der Untersuchung des menschlichen Verhalten war Clark L. Hull der einzige, den Murdock nicht kritisierte, und der seine Arbeit stark beeinflußte.

(4) Psychoanalyse: Murdock hat sich im genannten Buch in Kapitel 9, bei der Interpretation von Vermeidungs- und ,,Joking``-Beziehungen und im Kapitel 10, bei der Analyse der Inzesttabus aber nicht an die Theorie Freuds angelehnt.

Murdock definiert die Kernfamilie folgendermaßen:


11family is a social group characterized by common residence, economic cooperation, and reproduction. It includes adults of both sexes, at least two of whom maintain a socially approxed sexual relationship, and one or more children, own or adopted, of the sexually cohabiting adults. The family is to be distinguished from marriage, which is a complex of customs centering upon the relationship between a sexually associating pair of adults within the family. Marriage defines the manner of establishing and terminating such a relationship, the normative behavior and reciprocal obligations within it, and the locally accepted restrictions upon its personnel.1.80

Nach Murdock ist der Begriff ,,Familie`` doppeldeutig, denn sogar in den Sozialwissenschaften werde er für unterschiedliche soziale Gruppen verwendet, die neben funktionalen Ähnlichkeiten wichtige Unterschiede aufweisen. Es muß deshalb unterschieden werden zwischen drei Typen von Familienorganisation, die sich als repräsentativ für menschliche Gesellschaften herausgestellt haben:

Murdock konnte in seiner Arbeit über die sozialen Strukturen 192 Gesellschaften nach den oben genannten Kriterien den drei Familienorganisationen zuordnen:

Häufigkeit bestimmter Familienorganisationen

Familienorganisation Gesellschaften
einzelne Kernfamilie 47
polygame Familie 53
eine Art erweiterte Familie 92
insgesamt 192

Quelle: Murdock 1949, Social Structure, S.2.

Nicht die polygame Familie, sondern das Zusammenleben mehrerer Generationen, d.h. mehrerer einzelner Kernfamilien, ist nach Murdock die häufigste Form der Familienorganisation und dies sei der Beweis für die Universalität der Kernfamilie. Bei der Definition der Kernfamilie bezieht sich Murdock auf Robert H. Lowies ,,Primitive Society`` (1920) und schreibt:

11 The nuclear family is a universal human social grouping. Either as the sole prevailing form of the family or as the basic unit from which more complex familial forms are compounded, it exists as a distinct and strongly functional group in every known society. No exception, at least, has come to light in the 250 representative cultures surveyed for the present study, which thus corroborates the conclusion of Lowie: ``It does not matter whether marital relations are permanent or temporary; whether there is polygyny or polyandry or sexual license; whether conditions are complicated by the addition of members not included in our family circle: the one fact stands out beyond all others that everywhere the husband, wife, and immature children constitute a unit apart from the remainder of the community.''1.82

Murdock geht davon aus, daß die Kernfamilie vier Funktionen zu erfüllen hat: sexuelle, ökonomische, reproduktive und erzieherische. Die Kernfamilie ist räumlich (gemeinsamer Wohnort) ebenso wie sozial bestimmt. Der Grund für die Universalität der Kernfamilie wird nicht offensichtlich, wenn man die Familie soziologisch nur als ,,soziale Gruppe`` sieht. Erst durch die Analyse von einzelnen Beziehungen - individuelle und gemeinsame - wird die Vielseitigkeit der familiären Pflichten und deren inneren Zusammenhänge sichtbar. Die Kernfamilie als Einheit entsteht durch eine Anzahl von interpersonellen Beziehungen, die die beteiligten Individuen kollektiv aneinander bindet.1.83 Innerhalb einer Kernfamilie sind acht verschiedene Beziehungsmuster möglich: Ehemann-Ehefrau, Vater-Sohn, Vater-Tochter, Mutter-Sohn, Mutter-Tochter, Bruder-Bruder, Tochter-Tochter und Bruder-Schwester .1.84

Die Beziehung zwischen Mann und Frau in der Kernfamilie ist durch das sexuelle Privileg bestimmt. Dieses Privileg wird allen verheirateten Paaren im sozialen Kontext innerhalb jeder menschlichen Gesellschaft zugestanden. Es gibt natürlich auch festgelegte temporäre sexuelle Tabus, diese variieren von Gesellschaft zu Gesellschaft. Beispiele für einzelne, zeitlich begrenzte sexuelle Meidungsgebote innerhalb der Kernfamilie sind z.B. während der sogenannten ,,Unreinheit`` der Frau, der Menstruationszeit, während und nach einer Schwangerschaft, sowie in Phasen, die bestimmte Übergänge repräsentieren, also wenn Gefahren für die Frau, den Mann oder den Kindern drohen. Männer sind ebenso davon betroffen, vor allem dann, wenn es auf ihre Aggression ankommt, wenn sie z.B. Vorbereitungen für Jagd- oder Kriegszüge treffen; sexuelle Tabus sind in diesen Zusammenhängen weit verbreitet.

Das sexuelle Privileg des Ehepaares soll aber nicht als ein ausschließlich garantiertes angesehen werden, denn es kann auch die außereheliche sexuelle Verbindung eines oder beider Teile der Kernfamilie erlaubt sein. Als Beispiel nennt Murdock die Banaro von Neu Guinea. In dieser Gesellschaft darf sich der Bräutigam seiner jungen Frau erst nähern, wenn sie bereits ein Kind von einem ,,sib-friend`` seines Vaters geboren hat.1.85 Es wäre daher ein Fehler, die sexuelle Exklusivität zwischen Ehemann und Ehefrau als definitorisches Kriterium für ,,Familie`` heranzuziehen.

Die Behauptung Murdocks, daß die Kernfamilie universell in allen menschlichen Gesellschaften vorhanden sei, veranlaßte den Soziologen Rolf Eickelpasch1.86 zu einer grundsätzlichen Kritik. Georg Peter Murdocks ,,Social Structure`` sei zwar bis heute die wichtigste Arbeit, aber die unkritische Übernahme seiner Aussagen habe zu weiteren Fehlinterpretationen geführt. Eickelpasch wirft den amerikanischen Kulturanthropologen vor, daß sie mit ihren Cross-Cultural-Untersuchungen über evolutionistische Spekulationen Universalien, die alle Kulturen gemeinsam hätten, herauszuarbeiten versuchten. Nach Eickelpasch hält die These von der Universalität der Kernfamilie einer Strukturanalyse familialer Systeme in fremden Gesellschaften nicht stand. Er meint, daß die Kernfamilie nicht als urwüchsiges und universales Grundmuster angesehen werden könne, sondern aus einer Vielzahl möglicher Kombinationen elementarer Beziehungsdyaden, in erster Linie der Mutter-Kind-Einheit analytisch aufzulösen sei. Die Variation unterliege historischen und sozio-ökonomischen Abhängigkeiten und außerdem beinhalte der Kernfamilienbegriff weder Aussagen über den konkreten sozio-kulturellen Zusammenhang, innerhalb dessen die Familie existiert, noch inhaltliche Bestimmungen, wodurch dieser Zusammenhang determinierter Beziehungen zwischen den zugehörigen Personen bestimmt wird.1.87

Das Ziel, das Eickelpasch in seinem Artikel verfolgt, ist - wie er meint - die ,,ethnozentrische Restproblematik`` in Murdocks Thesen über die Universalität der Kernfamilie aufzudecken. So viel sei schon jetzt gesagt, es ist ihm in keiner Weise gelungen! Nach seiner Theorie gibt es keine Kernfamilie in unlinearen Abstammungsgruppen. Dabei stellt er sich aber nicht die Frage, wie es dann überhaupt möglich ist, daß ein Verwandtschaftssystem dargestellt werden kann. Ego (männlich oder weiblich) muß, wenn er/sie Kinder hat, natürlich mit irgendwem verheiratet sein, zumindest zeitweise eine Lebensgemeinschaft oder zumindest zwischen beiden muß es eine sexuelle Beziehungen gegeben haben. Eickelpasch unterscheidet nicht zwischen Kernfamilie, Verwandtschaftsgruppe, erweiterter Familie oder polygamer Familie. Er setzt Verwandtschaft mit Familie gleich. Das ist aber in der ethnologischen Forschung nicht möglich. Außerdem wirft Eickelpasch in seinem Artikel Murdock eine ethnozentristische Sichtweise vor, obwohl er selbst ebenso einen Familienbegriff verwendet, der kulturell einseitig bestimmt ist. In unserer westlichen Gesellschaft wird der Begriff Familie mit den engsten Verwandten gleichgesetzt, z.B. die Eltern, Großeltern, verheiratete Geschwister und deren Ehegatten, deren Kinder, wie auch die eigenen Kinder, können zur ,,Familie`` gehörend aufgefaßt werden.

Nach Eickelpasch bilden folgende Familienorganisationen keine Kernfamilie:

1.
die matrilineare Familienorganisation: Dominanz der Bruder-Schwester-Beziehung;
2.
die patrilineare Familienorganisation: Dominanz der Vater-Sohn-Beziehung;
3.
die matrifokale Familie: Dominanz der Mutter-Kind-Beziehung.

(1) Die matrilineare Familienorganisation: Hier bezieht sich Eickelpasch auf die Arbeit von Ralph Linton1.88 (1936) ,,The Study of Man``, der behauptet, daß die Familie nur ,,an insignificant role in the lives of many societies`` spiele; als Beispiel nennt er die Nayar in Indien, eine Gesellschaft, bei der der Ehemann und Vater der Kinder von der Familie ausgeschlossen sei. Bereits Murdock warf Linton vor, daß er keine empirisch fundierten Grundlagen zitiere, welche diese Behauptungen zuließen. Murdock konnte nach seinen eigenen Recherchen die Ansicht Lintons nicht bestätigen.1.89

Und weiters heißt es bei Murdock über Linton:


11 For enlightenment we must turn to theorists who consider the functional significance of the several types of consanguineal kin groups. Linton advances several suggestions, among them the hypothesis that ``an emphasis on unilinear descent is an almost unvoidable accompaniment of the establishment of family units on the consanguine basis.'' If this theory were correct, unilinear descent should tend to be strongly associated with the presence of extended families, and bilateral descent with their absence. Our data, however, fail strikingly to confirm this expectation. To be sure, patrilineal descent occurs in 69 per cent (36 out of 52) of the societies in our sample with patrilocal extended families, and matrilineal descent in 73 per cent (22 out of 30) of those with matrilocal or avunculocal extended families, but the same unilinear rules also occur in 60 per cent (68 out of 113) of the societies which completely lack any kind of extended family.1.90

Eickelpasch bezieht sich nicht auf die Feststellung von Murdock, obwohl er ihn in diesem Fall kritisiert, zitiert dafür aber Linton und meint zur Organisation der Naya:


11 In ,,The Study of Man`` hat RALPH LINTON (1936: 152ff.) schon 1936 festgestellt, daß in einer Vielzahl primitiver Gesellschaften die Gattenfamilie (conjugal family) allenfalls von marginaler Bedeutung ist. Eine Reihe der Funktionen, die in modernen Gesellschaften die Kernfamilie erfüllt, werden hier von den auf (realer oder fiktiver) Blutsverwandtschaft basierenden Gruppen (consanguine families) wahrgenommen. Gattenfamilie und konsanguinale Familie sind nach LINTON reziprok proportionale Größen: Je größer die Bedeutung der Blutsverwandtschaft einer Gesellschaft ist, desto weniger Gewicht hat die Gattenfamilie. Als Grenzfälle auf dieser Skala nennt Linton (1936: 163) auf der einen Seite die westlichen Industriegesellschaften und die Eskimo, bei denen die strukturelle Bedeutung der Blutsverwandtschaft weitgehend reduziert ist, auf der anderen Seite die Nayar, eine ehemalige Kriegerkaste in Kerala, die die Institution der Gattenfamilie nicht kennt.1.91

Im obigen Zitat übernahm Eickelpasch kritiklos die Auffassung von Linton und hat die von Murdock aufgestellten drei Typen der Familienorganisation nicht berücksichtigt, noch unterscheidet er, bzw. Linton, zwischen Kernfamilie und Verwandtschaft. Richtig ist, daß die Nayar eine Sonderstellung einnehmen, aber auch bei ihnen gibt es die Institution der Kernfamilie. Der wichtigste Aspekt in der Unterscheidung zwischen verschiedenen Gesellschaftsformen ist die Funktion, die dem Nachwuchs einer Gesellschaft zukommt.

Weiters zitiert Eickelpasch die Arbeiten von Kathleen Gough (1959, 1961, 1968) und Chie Nakane (1963) und schreibt, daß aufgrund dieser Schriften über die Nayar die kulturanthropologische Diskussion von der Universalität der Kernfamilie endgültig zu verwerfen sei: ,,Die Tatsache, daß diese Diskussion in der deutschen Familiensoziologie beharrlich ignoriert wird, kann als Beleg für die traditionelle Rezeptionssperre der deutschsprachen Soziologie gegenüber ethnologischen Forschungsergebnissen gelten.``1.92

Kathleen Gough schreibt in ihrer Arbeit ,,The Origin of the Family`` jedoch folgendes:


11 It is true that in some matrilineal societies, such as the Hopi of Arizona or the Ashanti of Ghana, men exert little authority over their wives. In some, such as the Nayars of South India or the Minangkabau of Sumatra, men may even live separately from their wives and children, that is, in different families. In such societies, however, the fact is that women and children fall under greater or lesser authority from the women's kinsmen - their eldest brothers, mothers' brothers, or even their grown-up sons.1.93

Gough weist also darauf hin, daß die Männer der Nayar-Frauen nicht mit ihren Ehefrauen im gemeinsamen Haushalt leben, trotzdem haben die Kinder aber einen Vater, der auch bestimmte Pflichten übernimmt. Die sexuelle Beziehung zwischen den Ehegatten ist auch in der Nayar-Gesellschaft geregelt, auch wenn die Ehegatten nicht unter einem gemeinsamen Dach leben. Der Ursprung der getrennten Haushalte der Ehegatten ist durch die häufige Abwesenheit der Männer, bedingt durch Kriegführung und Jagdzüge, zu erklären und führte in der Folge zur natolokalen Residenz. Auch bei den irokesischen Männern war Kriegführung und Jagd für die häufige Abwesenheit der Männer verantwortlich. Aber hier führte die Abwesenheit der Männer nicht zur Trennung der Haushalte, sondern zur Gemeinschaft des Langhauses.1.94

In matrilinearen Gesellschaften haben Frauen normalerweise eine größere Unabhängigkeit als in patrilinearen Gesellschaften. Frauen besitzen die größte Unabhängigkeit in segmentären Gesellschaften vor allem dann, wenn matrilineare Abstammung und uxorilokale Residenz kombiniert sind. Trotzdem sind in allen matrilinearen Gesellschaften, von denen Beschreibungen vorliegen, die Vorstände der Haushalte, der Lineage und der Lokalgruppen gewöhnlich Männer.1.95 Nach Gough spielt der Vater in allen menschlichen Gesellschaften nicht nur die Rolle des Zeugers, sondern hat auch eine soziale und ökonomische Bedeutung. In matrilinearen Gesellschaften, wo die Gruppenzugehörigkeit über die Frauen bestimmt wird, hat jedes Kind einen oder mehrere festgelegte ,,Väter``. Über diese Vaterschaft besteht eine besondere soziale, häufig auch eine religiöse Beziehung.1.96

Neben den Nayar zählt Eickelpasch noch die Trobriander mit avunkulokaler Residenz zu dieser Form der Familienorganisation. Hier bezieht er sich auf Malinowski (1929) und Reich (1973). Für Reich signalisiert die avunkulokale Residenz der Trobriander das aufkommende Patriarchat, wobei die Gattenbeziehung in Konkurrenz zur Geschwisterbeziehung steht.1.97

Die ,,matrilineare Familienorganisation`` bildet nach Eickelpasch eine einseitige Solidarität. Die Rolle des Ehemannes ist bei natolokaler Residenz (Nayar, Ashanti) reduziert, und beschränkt sich auf eine Art ,,Besuchsgatten``. Auch in dieser Aussage findet sich ein gravierender Fehler: es gibt keine matrilineare Familienorganisation, sondern nur eine matrilineare Abstammung, d.h. matrilineare Abstammungsgruppen, die sich über die weibliche Linie der Blutsverwandten definieren! Die Kernfamilie ist weder patrilinear noch matrilinear. Sie wird zwischen zwei meist nicht verwandten Personen geschlossen, deren gemeinsame Kinder entweder zur matrilinearen oder patrilinearen Verwandtschaftsgruppe gezählt werden.

(2) Die patrilineare Familienorganisation kombiniert problemlos Macht, Deszendenz und Residenz. Die Vererbung erfolgt direkt vom Vater auf den Sohn. Eickelpasch bezieht sich auf die drei Generationenhaushalte der wohlhabenden Familien in China vor der Revolution von 1911. Die Frau übersiedelt nach der Heirat in das Dorf des Ehemannes (patrilokale Residenz) und gehört ab diesem Zeitpunkt nicht mehr zur Verwandtschaftsgruppe ihres Vaters, sondern sie wird Mitglied der Verwandtschaftsgruppe ihres Ehemannes. Als Ehefrau und Mutter erhält sie einen bestimmten Status innerhalb der Lineage des Mannes. Der Vater verlangt vom Sohn absolute Unterwerfung. Frauen sind ausgeschlossen von: Grundbesitz, politischer Verantwortung und Schulbildung; die Scheidung wird der Frau nur mit Zustimmung des Ehemannes erlaubt. Von den Frauen werden die Arbeiten im Haushalt und die Pflege der Kleinkinder erwartet.1.98

(3) Die matrifokale Familie: Dominanz der Mutter-Kind-Beziehung. Eickelpasch zählt dazu die schwarze Bevölkerung Jamaikas.1.99 Die Besonderheit dieser Familien- und Haushaltsorganisation ist nach Eickelpasch die spezifische Struktur ihrer Verwandtschaftsbeziehungen. Das Verwandtschaftssystem ist bilateral wie in den euro-amerikanischen Gesellschaften auch. Die gesellschaftlichen Ursachen der bilateralen Verwandtschaftsbeziehungen zu ergründen, die trotz der vorhandenen Dominanz der Mutterrolle bestehen, sind nach seiner Meinung nicht von Bedeutung. Melville J. Herskovits (1947) sieht darin ein Survival westafrikanischer Kulturmuster.1.100

Die einzige dauerhafte Beziehung für einen schwarzen Jamaikaner sei die zu seiner Mutter. Sie ist Haushaltsvorstand und damit die Autoritätsperson in der Familie. Zu ihr gehören die Kinder, die sie allein bis zum Alter von zehn Jahren erzieht. Die Ursache für die strukturelle Marginalisierung der Gatten- und Vater-Kind-Beziehung ist die schwache Rechtsstellung des Vaters gegenüber den Kindern.1.101

Die schwache Stellung des Vaters geht auf ein historisches Relikt aus der Zeit der Sklaverei, der Wanderarbeit und der damit einhergehenden saisonalen Arbeitslosigkeit zurück. Dies führte zu Konsens-Ehen, die einen vorübergehenden Aufschub der legalen Ehe darstellen. Nach Davenport1.102 (1968) werden mehrere aufeinanderfolgende Konsens-Ehen eingegangen. Mit zunehmendem Alter und Einkommen des Mannes werden diese Ehen dauerhafter und stabiler und enden in einer legalen Ehe. Warum bei diesem Beispiel keine Kernfamilie vorhanden sein sollte, ist unklar. Die Konsens-Ehe schließt nicht die legale Ehe aus, sondern sie stellt nur einen vorübergehenden Aufschub dar. Die Gatten, die in einer Konsens-Ehe leben, bilden - solange sie besteht - sehr wohl eine Kernfamilie (bestehend aus Mann, Frau und deren Kinder), die aus ökonomischen Gründen auf die Unterstützung der Herkunftsfamilie der Frau angewiesen ist. Nach der Auflösung einer Konsens-Ehe kehrt die Frau mit ihren Kindern in der Regel in den Haushalt ihrer Mutter zurück. Ist die Mutter verwitwet oder unverheiratet, ergibt sich die für die karibischen Gesellschaften typischen ,,matrifokalen`` Drei-Generationen-Haushalte, mit einer älteren Frau als Haushaltsvorstand.1.103

Alle Formen der Familienorganisation sind an die sozialen Gegebenheiten einer Gesellschaft angepaßt. Aber trotz verschiedener Kombinationsmöglichkeiten und Ausnahmesituationen ist die Kernfamilie auch in den Beispielen, die Eickelpasch genannt hat, vorhanden. Die Universalität der Kernfamilie konnte durch seine Beispiele nicht eingeschränkt werden, hingegen unterliegen die sozialen Beziehungen zwischen Verwandten wesentlich größeren Kombinationsmöglichkeiten. Eickelpaschs Vergleich der ethnologischen Literatur über segmentäre Gesellschaften und der chinesischen Gesellschaft vor der Revolution von 1911 ist eigentlich nicht zulässig, da innerhalb der chinesischen Gesellschaft sehr wohl unter verschiedenen Völkern, als auch zwischen Stadt- und Landbevölkerung unterschieden werden muß (Agrargesellschaft versus Industriegesellschaft). Aus ethnologischer Sicht gibt es kein einheitliches ,,chinesisches Volk``. Im Unterschied dazu, kann man die Nayar, oder die traditionell lebenden Ashanti in der Tat als ethnologische Einheit betrachten.

Für die Kernfamilie gibt es nur eine einzige Definition: sie besteht aus zwei erwachsenen, nicht verwandten Personen, unterschiedlichen Geschlechts sowie ihren unverheirateten Kindern. Wo sie leben, welche Aufgaben jeder einzelne innerhalb der Kernfamilie übernimmt, ist an die jeweilige Gesellschaftsorganisation angepaßt, ebenso wie der Anteil, der von einzelnen Verwandten oder der Verwandtschaftsgruppe bei der Erziehung der Kinder übernommen wird.


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Isabella Andrej
1999-03-04