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5.2.2 Wanderungsbewegungen

Die Mobilität der Bevölkerung in den vergangenen Jahrhunderten ist ein wesentliches Charakteristikum der Geschichte Afrikas. Nach Jan Vansina hat es den Anschein, daß zwischen 1500 und 1800 kaum eine Bevölkerungsgruppe noch am selben Ort lebte.5.46 Vansina versteht unter Bevölkerungsbewegungen folgendes:


11 `Migration' means the movement of a population from one country to settle in another. In zoology it means also the seasonal movement of populations but when speaking of people the correct term for this is `transhumance'. So much for dictonary definitions. Migration is a concept expressing a relationship between people, space and time implying an alteration in this relationship. In this very general sense we speak of population movement and not of migration proper. Hence the causes have to do with the organization of space, either because the ratio of people to resources alters - through, for example, overpopulation or climatic catastrophe - or because people reorganize space and its resources on a relatively large scale. The prominent large-scale spatial organizations in Africa were states and trading networks.5.47

Ebenso wie in Europa kam es auch in Afrika zu unterschiedlichen Zeiten zu größeren Völkerwanderungen, die wiederum andere Gruppen zwangen, ihr bisheriges Siedlungsgebiet zu verlassen und ein neues in Besitz zu nehmen. Die Bantu-Migration dürfte bereits über 2000 Jahre andauern. Vansina unterscheidet grundsätzlich vier Arten der Nahrungsproduktion, die bestimmte Wanderungen notwendig machen:

1.
Jäger und Sammler leben in Camps und sind äußerst mobil und wechseln im Zwei-Wochen-Rhythmus meist ihre Camps, z.B. die Ituri und die !Kung San in Botswana. Ihre Wanderungen sind vor allem von den Nahrungsressourcen und den Wasserstellen abhängig, die saisonal vorgegeben sind.
2.
Hirtennomaden leben unter ähnlichen Bedingungen und sind ebenso mobil, wobei aber die saisonale Wanderung mit der Versorgung ihrer Tiere mit Wasser, Gras und Salz die wesentlichsten Faktoren darstellen.5.48
3.
Bodenbauern waren ursprünglich auch mobil; aufgrund der abnehmenden Fruchtbarkeit der Felder mußten sie neue anlegen und ihre Dörfer, wenn die Entfernung zwischen den Feldern und Dörfern zu groß wurde, verlegen. Es entstanden bestimmte Zyklen von fünf bis zwölf Jahren, die noch heute beim Wanderfeldbau zu beobachten sind. Die Wanderungsbewegung der Dorfbewohner war aber nicht mehr mit der nomadisierenden Bevölkerung vergleichbar. Allen bisher genannten Formen der Nahrungsproduktion ist gemeinsam, daß alle einer bestimmten Begrenzung des Bevölkerungswachstums unterlagen. Die Gruppengröße wurde durch die natürlichen Gegebenheiten der Umwelt, die von Niederschlägen, Bodenqualität, Wildvorkommen, usw. abhängig war, begrenzt.
4.
Fischer waren am ehesten seßhaft. Ihre Siedlungsgebiete an den Küstenmeeren, Seen und Flüssen besaßen eine sichere Nahrungsquelle; nur saisonale Expeditionen kamen vor, wenn der Wasserstand der Flüsse sich änderte. Manchmal erstreckten sich diese Wanderungen einzelner Männergruppen über mehr als 100 Kilometer, während die Familien in den Dörfern zurück blieben. Die Siedlungen an den Küsten des Ozeans und an den großen Seen lieferten genügend Nahrung und waren ausgezeichnete Transportwege.5.49

Neben den bisher genannten Formen von Ortsveränderungen von Gruppen war die individuelle Mobilität ebenso üblich: z.B. durch Heirat, die zum Ortswechsel eines Ehepartners führte; Söhne, die ab einem bestimmten Alter zu den Verwandten ihrer Mutter übersiedeln mußten, aber auch Pfandleiher, Sklaven, Händler, Pilger, anerkannte Medizinmänner, Jäger- und Sammlertätigkeit zwangen zu Wanderungen. Die größte demographische Bevölkerungsbewegung Afrikas war aber der Sklavenhandel nach Amerika. Die Urbanisierung führte zur Land-Stadt-Wanderung, z.B. hatte um 1300 die Stadt Zimbabwe ca. 10.000 Einwohner, d.h. einige 100 Dörfer ließen sich an einem Siedlungsort nieder. Schätzungen über den Sklavenhandel und die Land-Stadt-Bewegung liegen vor, für alle anderen individuellen Wanderungsbewegungen gibt es kaum Beweise.5.50

Vansina untergliedert die Wanderungsbewegungen von Gruppen wie folgt:

(1) Expansion: erfolgte häufig als natürliche Bevölkerungsbewegung, die auch als drift bezeichnet wird. Die Einheit der Migranten ist das Dorf, das sich als Gemeinschaft in eine Richtung bewegt und nur eine geringe Distanz überwindet, meist nur 20 Kilometer und nur alle 10 oder mehr Jahre ihre Siedlungen aufgrund des Wanderfeldbaus verlegen. Als Beispiel nennt Vansina die Mongono-Expansion: ausgehend vom Siedlungsgebiet am Äquator, das lange vor dem Jahr 1500 verlassen wurde und sich in Richtung zur großen Krümmung des Za
$\ddot{\imath}$re Flußes im Süden bewegte. Diese Wanderung war um 1900 im Gebiet zwischen dem Za $\ddot{\imath}$re Fluß im Westen und dem Lomami im Osten noch nicht abgeschlossen. Ausschlaggebend für Expansionsbewegungen waren die fruchtbaren Flußtäler des unteren Kasai und Sankuru und die Waldrandgebiete im Osten, oder eine Bevölkerungsdichte, die als zu hoch empfunden wurde. Um 1700 fühlte sich eine Familie bereits bedrängt, wenn sie den Rauch aus dem Kamin eines Nachbarn sah. Die jüngeren Söhne waren dann gezwungen, eine neue Siedlung zu suchen oder zu gründen. Expansionsbewegungen waren in Afrika seit langem eine übliche Form der Konfliktlösung, dienten aber auch der Nahrungsbeschaffung, oder tendierten zu den Handelszentren und Märkten. Niemals war der Grund der Expansion von Bodenbauern eine plötzliche Katastrophe, wie Hungersnöte oder Epidemien. Unter besonderen Krisenbedingungen, wenn die sozio-politischen Strukturen zusammenbrachen, kam es zur Migrationsbewegung, die aber - wie Vansina vermutet - äußerst selten vorkam.5.51

(2) Diaspora oder Segmentierung: sie findet diskontinuierlich statt. Die typische Form einer Diaspora wären Handelszentren: phoenikische, griechische und arabische Niederlassungen am Horn von Afrika, europäische Stützpunkte in der Cape Town Kolonie wären danach alle der Diaspora zuzurechnen und wurden von fremden Händlern gegründet. Weitere Beispiele sind dafür die Bobangi: die Bewohner eines großen Dorfes gründeten an der Flußmündung des Ubangi Handelsstationen und Tochter-Siedlungen entlang der gesamten Strecke des Za $\ddot{\imath}$re Flußes abwärts zur Mündung des Kasai-Flußes. Diese Bevölkerung vermischte sich mit der ansässigen Bevölkerung und bildete innerhalb eines Jahrhunderts (1750-1850) als Bobangi eine neue ethnische Gruppe. Grundlage für die Diaspora ist die ,,long-distance Kommunikation``; diese floriert, wenn das Handelsausmaß zunimmt. Vor dem Jahr 1500 bestanden einige wenige dieser Zentren, die Mehrheit fällt in die Zeit nach 1500.5.52

(3) Massenmigration: darunter versteht Vansina eine Bevölkerungsbewegung, die die Gesamtheit der Gemeinschaft einschließt; Männer, Frauen und Kinder verlassen ihr ursprüngliches Siedlungsgebiet und erreichen nach einem Jahr oder später ein neues Territorium. Häufig sind diese Bevölkerungsbewegungen mit spektakulären Katastrophen verbunden: 80.000 Vandalen wanderten um 429 in Afrika ein, der Grund war die Einladung des byzantinischen Gouverneurs und die Furcht vor den Visigothen von Spanien; die größte Invasion nach Nordafrika begann um 1052 und dauerte bis 1500 und wurde von den Benu Hilal und Banu Sulaym ausgelöst und die Araber drangen in den Sudan und in den Chad ein; oder die Oromo-Massenmigration und Expansion zwischen 1500-1800. Als einziges Beispiel für das 19. Jahrhundert ist die Nguni-Migration vom Kap ins Nyanza-Gebiet zu nennen. Die Massenmigration setzt Kenntnisse des zukünftigen Siedlungsgebietes voraus, während der Wanderung müssen die Migranten ausreichend Nahrung finden und nach der Wanderung beginnt häufig eine Neuorganisation der Gesellschaftsordnung: z.B. neue Wirtschafts- und Sozialorganisationsformen müssen übernommen werden. Nach Vansina löst eine Massenmigration einen Schneeballeffekt aus: während der Wanderung werden unterschiedliche Gruppen integriert, die sich den Migranten entweder freiwillig angeschlossen haben oder auch militärisch unterworfen worden sind. Die kriegerischen Auseinandersetzungen (large-scale fighting) zwingen Gruppen, sich als Flüchtlinge in einem neuen Gebiet anzusiedeln, die wiederum zu Nebenmigrationen führen und eine neue dramatisch veränderte Situation für alle Beteiligten schaffen. Die Migrationsbewegung kann zu Beginn rasch verlaufen, aber der Gesamtprozeß bis zur Niederlassung der letzten Flüchtlinge kann wiederum mehr als ein Jahrhundert andauern. Die Oromo-Wanderung dürfte um 1530 begonnen und erst um 1700 wieder zu stabilen Bedingungen geführt haben. Massenmigrationen sind mit plötzlichen klimatischen Veränderungen, Überbevölkerung oder militärischer Überlegenheit der Feinde verbunden.5.53

(4) Band-Migrationen: diese bestehen immer aus einer relativ kleinen Anzahl bewaffneter junger männlicher Krieger mit einem Anführer an der Spitze. Als Beispiele nennt Vansina die Zimba, Jaga, Tyokosi und die Imbangala; manche schließen sich zu größeren Einheiten zusammen und errichten mit vereinter Kraft Chiefdoms. Als Beispiele für die Chiefdombildung werden die Zimba von Maravi und die Tyokosi genannt. Ein Schneeballeffekt ist bei der Bandmigration eher nicht zu beobachten und die Migration verläuft wesentlich rascher, als in allen bisher besprochenen Formen von Bevölkerungswanderung. Bandmigration kann aber auch als Reaktion auf die Expansion des Handels auftreten, wenn die Migranten daran profitieren wollen, wie im Fall der Jaga. Überbevölkerung kann eine Rolle spielen, ist aber bisher nicht nachweisbar. Bis heute sind Bandmigrationen nicht eindeutig von Teilen einer Massenmigration zu unterscheiden.5.54

(5) Elite-Migrationen: darüber berichten vor allem Oraltraditionen, die sich auf den Gründer einer Siedlung beziehen, der häufig als Fremder dargestellt wird. Ein großer Jäger, der von irgendwoher mit einer kleinen Gefolgschaft kommt, wie im Falle des Gründers des Maravi-Chiefdoms in Verbindung mit dem Phiri Klan, dessen Vorfahren aus großer Entfernung vom Lunda-Land aus Shaba gekommen seien. Viele dieser Erzählungen dürften Erfindungen sein und bauen auf einer stereotypen Idee auf, daß der Ursprung in der Ferne liegt, um die Aristokratie vom gewöhnlichen Volk zu unterscheiden. Insgesamt ist die Elite-Migration als Bevölkerungsbewegung eher unbedeutend. Im Mittelpunkt des Interesses stehen Untersuchungen über die sozio-kulturellen Veränderungen, die zur Neuorganisation durch das Besetzen eines bewohnten Gebietes führen und die Ressourcen neu verteilen, verbunden mit einer auf Nobilität beruhenden Hierarchie.5.55

Die Rekonstruktion der Bevölkerungsbewegungen in Afrika bleibt trotz der Klassifikation der verschiedenen Formen von Migration schwierig. Die Hauptbewegungen fanden in der Zeit zwischen 1500 und 1800 statt, aber die Oraltraditionen sind nicht imstande, Massenmigrationen aus dieser Zeit zu überliefern, sondern nur einzelne Episoden, die für kleinere Gruppen entscheidend waren. Weiters sind viele Traditionen ,,Ideologien`` und beziehen sich auf die Erklärung des Kosmos und der Gesellschaftsordnung. Deshalb kann aus einzelnen Erzählungen nicht der Geschichtsablauf eines Großraumes erklärt werden. Die sogenannten large-scale movements sind für die Vergangenheit kaum rekonstruierbar, wenn überhaupt, dann nur gemeinsam mit Hilfe der Linguistik und der Archäologie in Verbindung mit überlieferten Traditionen. Dabei werden auch die Grenzen der Sprachwissenschaft sichtbar, wie Vansina bemerkt: Wenn zwei Sprecher unterschiedlicher Sprachen sich vermischen, endet dies mehrheitlich damit, daß eine kleine Minderheit die Sprache der Mehrheitsbevölkerung übernimmt. Massive Expansion oder Massenmigration kann zur Weiterverbreitung einer Sprache beitragen, muß aber nicht dazu führen, denn es kann auch eine Minoritätssprache (z.B. aus Prestige, oder aufgrund einer einfacheren Grammatik einer Handelssprache, etc.) übernommen werden. Eine weitere Basis für linguistische Forschungen sind Situationen, die durch Kontakte entstehen und zur Übernahme von Lehnwörtern führen, z.B. der Einfluß der Khoi und der San auf die Bantu-Sprachen im südöstlichen Afrika. Häufig ist die Sprache ein Konglomerat aus mehr als zwei Sprachen und einem ständigen Veränderungsprozeß unterworfen.5.56

M'Bokolo nimmt an, daß die erste und älteste Massenmigration (large-scale movement) die bantu-sprechende Bevölkerung direkt von ihrem Nigero-Kameruner Homeland entlang der Wasserläufe in ihr heutiges Siedlungsgebiet brachte, die Migrationsbewegung damit vom Nordwesten in südöstlicher Richtung verlief. Die Mehrheit dieser Migranten dürfte nach der Klassifikation von Guthrie, der Zone C angehört haben, da bis heute in manchen dieser Sprachen große Ähnlichkeiten mit den Nigero-Kameruner Sprachen festgestellt werden können: wie z.B. zwischen den Bobangi und den Tunen und Jawara. Neben dieser Hauptbevölkerungsbewegung gab es kleinere, die wahrscheinlich später begonnen haben und in ost-westlicher Richtung verliefen.5.57

Die zentralafrikanischen Bevölkerungsbewegungen sind bis heute unklar und es können nur einzelne Abschnitte nachvollzogen werden. Die Gründungen des Lunda-Chiefdoms und des Yaka-Chiefdoms der Kwango beruhen am ehesten auf Bandmigrationen bewaffneter Krieger. In Malawi kam es um 1600 zu einem spektakulären Anstieg bewaffneter Bands als Nebenprodukt der Etablierung des Maravi- und Lunda-Reiches. Die Zimba, die aus dieser Region kamen, griffen zuerst Nord-Moçambique und danach das Hinterland von Kilwa an. Zumindest eine andere Band wollte sich im Hochland von Zimbabwe ansiedeln, wurde aber vertrieben. In Zimbabwe selbst gab es kleinere Bevölkerungsbewegungen, ebenso wie in Zentral-Tanzania, dem gesamten Gebiet Süd-Tanzanias und im nördlichen Moçambique. Damit verbunden war die Entstehung der Chiefdoms der Bena, Sangu, Hehe, Makua, Lundu, Yao und weiterer Zusammenschlüsse, die zu einer gewissen Stabilität führten. Die Bevölkerung zwischen dem Kwongo und Kasai scheint sich von den Handelsrouten weg bewegt zu haben, während die aufstrebenden Gruppen der Bemba sich zu den Handelsrouten im 19. Jahrhundert hin bewegten. Außerhalb Ostafrikas waren Gruppenbewegungen häufig mit der Bildung und dem Zerfall von Chiefdoms verbunden. In Zentralafrika entwickelte sich im 17. und 18. Jahrhundert ein beachtliches Netzwerk von long-distance-Routen, die mit dem Welthandel verbunden waren. Der Handel brachte Prestigegüter in die einzelnen Regionen, die von den erfolgreichen Chiefs begehrt wurden. Die Prestigegüter können somit auch als Grundlage für das Entstehen von Chiefdoms und politisch zentralisierter Herrschaft angesehen werden. Die Bevölkerungsbewegungen sind noch immer zu wenig erforscht, damit bleibt vieles Spekulation, solange nicht mehr Daten vorliegen.5.58


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Isabella Andrej
1999-03-04