Bei der Auseinandersetzung mit der Geschichte des südlichen Afrika stehen im Hinblick auf die Erklärung von matrilinearen und uxorilokalen Traditionen die Migrationsbewegungen im Vordergrund. David Birmingham5.12 unterteilt das Gebiet Zentralafrikas von Kamerun bis zum Zambezi in drei Hauptregionen:
Im großen äquatorialen Waldgebiet des nördlichen Teils Zentralafrikas lebten Jäger und Sammler, die durch ethnische Fragmentierung gekennzeichnet waren. Die Bevölkerungsdichte war niedrig und über ihre Lebensweise und Vergangenheit können nur Vermutungen angestellt werden, die sich an den Kenntnissen der Jäger- und Sammlergemeinschaften des 19. Jahrhunderts orientieren. In die fruchtbaren Gebiete der Pygmäen dürften ab ungefähr 1000 v.Chr. die ersten nahrungsproduzierenden Vorfahren der Bantu-Sprecher eingedrungen sein. Aus vereinzelten Kontakten entwickelte sich über Jahrhunderte eine Symbiose durch Tauschbeziehungen. Von den Pygmäen wurde die Bantu- und zentral-sudanesische Sprache übernommen und ab dem 16. Jahrhundert waren sie Teil der zentralafrikanischen Bevölkerung. Die Vergangenheit der Waldbevölkerung ist teilweise durch Oralliteratur erhalten, vor allem dann, wenn Handelsbeziehungen, z.B. mit der Vili-Bevölkerung, bestanden.5.14
Nach Birmingham sollten zwei wesentliche Themenbereiche erforscht werden, um beweisbare Aussagen treffen zu können: (1) Die Geschichte des Nordens sollte über die Beziehungen zwischen Wald- und Sammlergesellschaften - beide nördlich und südlich des Äquators - erschlossen werden; und (2) die Beziehungen und Veränderungen zwischen den Sammlern und den Bodenbauern innerhalb des Waldgebietes. Kennzeichen der ,,Späten-Eisenzeit`` sei eine extrem niedrige Bevölkerungsdichte, mit Ausnahme des südlichen Waldrandes, wo einzelne Dorfsiedlungen bestanden.5.15
Im Zusammenhang mit der Sprachverteilung führt Birmingham fünf Gruppen an: (1) Im Nord-Westen gab es eine Bevölkerung mit ethnisch und linguistischen Beziehungen zu westafrikanischen Sprachen der östlich nigritischen Gruppe der Niger-Congo-Familie; (2) die im Nordosten gesprochenen Sprachen zählen zum Zentral-Sudanesisch; (3) die in den Waldgebieten lebenden Pygmäen waren Jäger und Sammler, die sich von ihren nahrungsproduzierenden Nachbarn in ihrer Sozialorganisation und Wirtschaftsform unterschieden, aber dieselbe Sprache hatten; (4) Fischen und Pflanzenbau des Waldgebietes wurden vorwiegend von Bantu-Sprechern betrieben; (5) die Bantu-Sprecher besiedelten auch während der ,,Späten-Eisenzeit`` die größten Teile der südlichen Savanne gemeinsam mit einigen Gemeinschaften, die keinen Bodenbau betrieben und der khoisan-sprechenden Bevölkerung zugerechnet werden können.5.16
Diese grob definierten Gruppen hatten untereinander häufig Kontakte, die zur Übernahme von Verhaltensweisen und Veränderungen der einzelnen Dörfer führten, aber es gab über größere Distanzen weder Handel noch andere Formen der Kommunikation, die mit dem Küstenhandel Ost-Afrikas oder den Karawanenrouten Westafrikas vergleichbar wären. Ein Grund dafür war sicherlich die niedrige Bevölkerungsdichte und die riesigen Distanzen. Kontakte der zentralafrikanischen Gesellschaften zur Außenwelt begannen erst um 1500. Die kaum besiedelten Gebiete der südlichen Savanne zwangen die Jäger- und Sammlergesellschaften kaum zu Veränderungen ihrer Lebensweise und erst nach 1000 n.Chr. übten sie einen gewissen Einfluß nach außen aus. Es begann ein reger Tauschhandel zwischen den Jägern und Sammlern mit den Bodenbauern: Fleisch gegen Werkzeuge, Tonwaren und Getreide, aber auch Heiratsbeziehungen und Formen der Klientelschaft entstanden. Wie Funde im nördlichen Zambia bezeugen, gab es ab dem 11. Jahrhundert vier Formen von Steinwerkzeugen. Wie aber die Beziehungen der Jäger und Sammler ausgesehen haben könnten, sind bis heute unklar und nicht belegbar.5.17
Die bevorzugten Siedlungsgebiete für den Bodenbau waren die fruchtbaren und feuchten Flußtäler, das Hochland und die Waldrandgebiete. Zwischen dem 4. und 12. Jahrhundert gab es periodische Ansiedlungen um die Kalambo-Wasserfälle in der Nähe des Tanganyika Sees. Häufige Wanderungen waren üblich und lösten das Nahrungsproblem im südlichen Zambia wie auch in anderen Regionen. Über die in diesen temporären Siedlungen wohnende Bevölkerung wissen wir nur, daß sie Kupfer und Eisen kannten. Weiter im Westen, am Lualaba-Fluß, siedelten Menschen, die heute als Sanga bezeichnet werden und eine reiche Metallverarbeitungstradition Ende des 1. Jahrtausends besaßen. Der Kupferabbau und die Verarbeitung schufen die Voraussetzung für den Handel. Die Sanga-Gemeinschaften betrieben Bodenbau und breiteten sich in den fruchtbaren und tsetse-freien Gebieten Zentralafrikas aus, vor allem über das fruchtbare Plateau des südlichen Zambia. Im 1. Jahrtausend wurden die in Zambia lebenden Jäger und Sammler von den Bodenbauern assimiliert und bildeten danach die Kalomo-Bevölkerung, die aus der Dambwa Gruppe hervorging und die Kalundu Gruppe ablöste.5.18
Der Nord-Westen von Zambia ist archäologisch kaum erforscht und für
den Nord-Osten und Zentralzambia kann angenommen werden, daß
die ,,Frühen Eisenzeit``-Traditionen während des 11. und
13. Jahrhunderts durch die ,,Späte-Eisenzeit`` der
Luampa-Tradition ersetzt wurde. Nach Birmingham ist der
aus dieser Zeit stammende Stil der Tonwaren bei der Chewa-,
Bisa-, Bemba-, Lala-, der östlichen Lunda-Bevölkerung und anderen
Gruppen heute noch gebräuchlich. Die Tonwaren werden als einziger Stil
der Luangwa-Tradition identifiziert und die Verbreitung erstreckte sich
über das Lusaka Plateau nach Moçambique, Malawi, an die Grenze
Tanzanias bis nach Za
re. Dieses weite Ausbreitungsgebiet
- das vom frühen 2. Jahrtausend in Zambia und wenige Jahrhunderte
später bis nach Malawi reichte - läßt vermuten, daß es
einflußreiche Gesellschaften gegeben haben muß, die eine
Spezialisierung der Frauen in der Tonwarenerzeugung
einschließt. Gleichzeitig wird angenommen,
daß dieser kulturelle Einfluß nicht durch eine
,,überfallsartige`` Immigration ausgelöst worden sein
kann.5.19
Ab dem 12. Jahrhundert dürften die Kalomo-Traditionen durch eine neue ,,Eisenzeit``-Tradition ersetzt worden sein und dies geschah zur selben Zeit, als die Luangwa-Eisenzeit-Tradition sich im östlichen Zambia durchsetzte. Weitere Fundorte der ,,Späten-Eisenzeit`` in Zambia gibt es am mittleren und südlichen Zambesi, die als Ingombe Ilede bezeichnet werden. Ingombe Ilede dürfte um 1400 entweder ein permanenter Siedlungsort oder ein temporärer Handelsstützpunkt gewesen sein und erste Handelsbeziehungen bis zur Küste entwickelt haben. Über die Entstehung von Chieftainships in Zambia bis etwa 1500 ist wenig bekannt. Nähere Hinweise über die politische und religiöse Entwicklung beziehen sich bisher ausschließlich auf Oraltraditionen und diese sind für Zambia erst ab dem 18. Jahrhundert als Quellen vorhanden. Die Bemba-Bevölkerung jener Zeit nahm eine Vorrangstellung ein und ihr Einflußbereich hatte sich auf ein beachtliches Gebiet ausgedehnt.5.20